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Warum fremdelt das deutsche Bildungsbürgertum im Elfenbeinturm mit den Social-Media-Tools und -Umgebungen?

Ich hatte per Twitter gefragt: Warum fremdelt das deutsche Bildungsbürgertum im Elfenbeinturm mit den Social-Media-Tools und -Umgebungen? 39 Personen haben bis dato geantwortet. Hier eine kleine Auswertung.

Die Frage bezieht sich auf eine Statistik, wonach Akademiker*innen aus (der Schweiz und) Deutschland sich verhältnismäßig selten in den sozialen Netzwerken bewegen.

Infografik: Höhere Bildungsschichten dominieren Social Web - außer in Deutschland | Statista Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Warum das so ist, wollte ich wissen, da ich selbst gefragt wurde und mir die Beantwortung verhältnismäßig schwer fällt – zumal dies in anderen Staaten sich offensichtlich anders verhält.

Die Antworten, die ich erhielt, sind recht vielfältig im Hinblick auf eine Erklärung, warum gerade vermeintliche „Eliten“, auf die ich die Frage zugespitzt hatte, sich hier so schwer tun. Um die Antworten irgendwie in einer Art Schaubild zu systematisieren, habe ich mir eine Operationalisierung erlaubt, die sich mir nach der Lektüre aufdrängte.

Vorgeschobene Gründe

Und zwar können wir unterscheiden zwischen den teilweise still oder laut vorgetragenen, vorgeschobenen Gründen:

  • „Arroganz“ meint in diesem Falle, dass man es nicht nötig habe, es überflüssig sei, der Hype bald vorbeiginge usw. usf.
  • „Angst“ steht für die Befürchtung, man werde in 20 Jahren noch auf Äußerungen oder Aktivitäten von heute festgenagelt.
  • „Datenschutz“ sind die vermeintlich objektiven Gründe, die dagegen sprächen, sich den kommerziellen Unternehmen oder den Geheimdiensten naiv auszuliefern.

Tatsächliche Gründe

Demgegenüber kann man den Antworten der Befragung aber auch entnehmen, wofür diese vorgeschobenen Gründe tatsächlich stehen, wobei sich dies naturgemäß nur auf subjektive Empfindungen oder historische Herleitungen stützt – und sicherlich von mir in meiner Operationalisierung sehr auf die Spitze getrieben wurde.

  • „Inkompetenz“ steht für die fehlende Auseinandersetzung und damit Erfahrung mit dem „Social Web“. Viele können nach Einschätzung der Antwortenden überhaupt nicht abschätzen, wie man die Netzwerke konstruktiv für sich nutzen könnte.
  • „Change“ und „Machtverlust“ steht für den Kontrollverlust, den man aktiv befürchtet, weil man sich recht ordentlich in dem System eingerichtet hat.
  • „Status“ wiederum spricht für ein Selbstwertgefühl, das an Position und vermeintlichem kulturellem Einfluss geknüpft ist, den man ungerne aufgeben möchte, wenn man jetzt plötzlich auf „Augenhöhe“ mit dem gemeinen Volk interagieren müsste.
  • „Kein Leidensdruck“ ist wiederum ein verhältnismäßig objektives Kriterium, weil es uns in D(A-CH) m Vergleich zu anderen Staaten ökonomisch recht gut geht – und somit subjektiv kein Handlungsdruck besteht.

Offene Fragen

Open Citizen Science
Alle Antworten stelle ich euch hier (auf Wunsch anonymisiert) zur Ansicht zur Verfügung. Prüft selbst, ob ihr meine Operationalisierung nachempfinden könnt. Ihr könnt dort auch direkt kommentieren.  

Vieles von dem Gesagten kann ich nachempfinden, wenngleich nur wenige sich der spezifisch deutschen Fragestellung annäherten. Insofern bleiben weiterhin einige zentrale Fragen offen:

  1. Warum ist es gerade im deutschsprachigen Raum nahezu verpönt, sich aktiv in den sozialen Netzwerken zu bewegen?
  2. Können wir die Zahlen von 2014 vergleichbar auch für 2017 annehmen?
  3. Wieso verkennt man hierzulande weiterhin den sozio-kulturellen Einfluss des globalen Internets, der in den sozialen Netzwerken ausgetauscht wird, auch auf unsere lokale Kultur?
  4. Ist es der klammheimliche Rückzug in die pseudo-elitäre, verschlossene Dekadenz, wo man sich wechselseitig seiner Reputation versichert, ähnlich des Adels?

Diesen Fragen werden wir auch weiterhin nachgehen müssen. Vielleicht fühlen sich ja auch ein paar Studierende dazu ermuntert, die Ergebnisse weiter auszuwerten und den Fragestellungen dezidierter nachzugehen?! Würde mich freuen!

In diesem Sinne: Stay tuned!

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1 Comment

  1. Christine Radomsky

    Sehr interessanter Einblick – vielen Dank! Mir war nicht bewusst, dass – im Gegensatz zu anderen Ländern – sechs von zehn deutschen Akademikern die sozialen Netze ignorieren.

    Meine persönliche Erfahrung: Seit zwei Jahrzehnten bin ich auf den Business-Netzwerken Xing und LinkedIn unterwegs. Facebook & Co hatten dagegen für mich ein „Schmuddel-Image“. Ich erwartete viel Lärm und kurzfristigen Hype und wenig Hilfreiches. Bedenken zur Datensicherheit kamen dazu, außerdem war mir der „weltweite Exhibitionismus“ suspekt. Technische Kompetenz ist kein Problem, da ich u.a. einen IT-Background habe. Vor drei Jahren habe ich einen MOOC zum Thema Virtual Learning bei edX gemacht, damals entdeckte ich Twitter als Lern- und Austauschplattform. Seit einem reichlichen Jahr bin ich auch auf FB unterwegs und habe einen eigenen Blog. Und klar – ich mache mich damit angreifbar, aber die Vorteile überwiegen. Die Welt ist heute zu komplex und schnelllebig, um Lösungsideen nur in dicken wissenschaftlichen Wälzern zu suchen. Geschweige denn Kooperationen.

    „Warum ist es gerade im deutschsprachigen Raum so verpönt, …?“, fragst Du.
    Ich denke, das hat viel mit dem Streben nach Sicherheit zu tun, das in diesen Ländern stark ausgeprägt ist. Geert Hofstede nennt diese Kultur-Dimension Unsicherheitsvermeidung. Deine Operationalisierungen „Change“, „Machtverlust“, „(Daten)Sicherheit“ und „Status“ haben alle mit psychologischer Sicherheit zu tun. Was hochgebildete Menschen betrifft: Je höher der intellektuelle Status, desto mehr steht vielleicht auf dem Spiel, wenn wir uns auf Augenhöhe mit anderen Menschen außerhalb des Elfenbeinturms begeben?

    Netzwerk-abstinente Akademiker bewirken leider zweierlei. Zum einen berauben sie sich selbst einer wichtigen Quelle für informales Lernen und Networking. Zum anderen tragen sie indirekt dazu bei, dass in den sozialen Netzen die Stimmen der Vernunft und Fairness in Gefahr sind, von grellen Stimmen übertönt zu werden.

    Wie ändern? Sicher hilft es, Wissen zu verbreiten, was man mit Social Media anfangen kann. Doch ein Schlüssel-Thema ist für mich als Coach, die Unsicherheitstoleranz zu fördern.

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