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B(u)ildung 4.0: Die 7 Säulen des digitalen Lernens (Kap. 1.7)

Im Zeitalter der digitalen Technologien bestimmen informative Transaktionen die DNA des digitalen Lernens und des Wissenstransfers.

- (Raschke 2013)

Wissen, Bildung und das Zeitalter 4.0 kommen heute zu dritt einher. Sie stützen sich auf die sieben Säulen des digitalen Lernens und passen so gar nicht in die Bildungswelt von gestern.

Zeit, Raum, Tempo, Lernpfade, Technologie, (digitalisierte) Inhalte und Vernetzung konfigurierten zwar auch früher als standardisierte Säulen das Lernen als solches. Aber die Statik hat sich verändert im digitalen Zeitalter. Heute steht „der Mensch im Mittelpunkt“ – und dies richtig fest, nicht nur so daher gesagt. Er oder sie muss sich als Gestalter*in der eigenen Lernprozesse je nach persönlichem Bedarf begreifen.

Die Säulen sehen dann für jeden unterschiedlich aus – je nach Tagesbedarf und individueller Tagesform. Digital first – so lautet der Schlager im 21. Jahrhundert. Der Mensch wird selbst zur DJane seines Lernlebens.

Als alte Katalysatoren berufsbildender Wissensinhalte sollten sich die Ausbildungssysteme künftig also mit der technologischen Reproduzierbarkeit des Wissens und seiner systemischen Erneuerbarkeit in Echtzeit auseinandersetzen.

Im Bildungsbereich entsteht somit unterschwellig ein komplexes Spannungsfeld mit vielen Querverbindungen zwischen der vernetzten Wissensgesellschaft, der Makro- und der Mikroökonomie. Dort befinden sich die Millionen KMU und ihre Wissensarbeiter*innen. Sie sind die letzten und die ersten Glieder der Wertschöpfungskette und könnten dort bald steckenbleiben.

Können die Menschen sich zu den wenigen “Producers of high value” hinüberretten (nach Manuel Castells), die das Kapital in der Realwirtschaft benötigt, um den Markt-Kreislauf in Schwung zu halten (Wagner 2011)? Den Rest der Arbeit übernehmen absehbar eh die Maschinen. Als Kollateraleffekt bricht dabei die gesellschaftliche Mittelschicht der Wissensarbeiter*innen ohne genuin kreative Eigenschaften weiter weg. Und das führt über kurz oder lang zu dramatischen gesellschaftlichen Verwerfungen.

Wandel auf dem Arbeitsmarkt, vierte industrielle Revolution, digitale Technologien, Mathematikschwäche, Fachkräftemangel im Handwerk und Industrie? Das Bildungssystem einer mächtigen Industrienation arbeitet weitgehend an den technologischen und ökonomischen Zeitläuften vorbei:

  • Die Quantität der Studierenden war noch nie ein Qualitätsnachweis.
  • Zeitdruck und Bürokratisierung täuschen Effizienz und Gründlichkeit der Ausbildung vor (Nisula 2015).
  • Ein Jahrzehnt Bologna-Reformen als verplante Zeit, verpasste Gelegenheiten und der Anfang vom Bildung-Chaos (Schmitt 2016).

So stehen die europäischen Gesellschaften und ihre Bildungssysteme vor einer ganz neuen Herausforderung:

Die Arbeitswelt in Deutschland ist auf eine vernetzte Produktion (Industrie 4.0) nicht vorbereitet. In knapp jedem zweiten Unternehmen fehlt es heute schon an Fachkräften, die mit IT-Wissen plus Fertigungs-Know-how die vierte industrielle Revolution gestalten könnten. Zudem plant nicht einmal jeder vierte Betrieb Aus- und Weiterbildungsprogramme zum Thema Industrie-4.0.

- (CSC 2015)

Obige Pressemitteilung ist parteiisch. Doch Fakt ist, dass der Arbeitsmarkt sich in Richtungen bewegt, die nicht auf dem Lehrplan der Bildungsträger stehen. Es ist Zeit für neue Jobmodelle und eine neue Organisation der Arbeitsgesellschaft.

  • Auf der einen Seite werden digitalfähige Techniker*innen und Handwerker*innen gesucht, für die die Ausbildungsstrukturen lange Zeit vernachlässigt wurden.
  • Auf der anderen Seite müssen Fähigkeiten aufgebaut werden, für die es noch keine Ausbildungsmuster oder kein Interesse gibt (Sadigh 2016).

Statt weiter nach Lehrplänen, Vorgaben und Vorlagen Wissen von gestern zu vermitteln, könnten die Bildungsträger Prototypen und Beta-Konzepte erarbeiten und Lösungen für eine interaktive, zeitgemäße Weiterbildung vorschlagen.

Auch wenn das Personal vor Ort vielleicht selbst nicht auf der Höhe der digitalen Revolution mit schwimmt: Wenn nicht sie, wer denn sonst?

Lokale Ansätze gibt es überall in Europa, doch noch keine überregionale Sichtbarkeit und Interoperabilität. Einige dieser Beispiele führen wir in späteren Kapiteln aus. Doch damit nicht genug.

  • Abschlüsse werden von immer mehr Betrieben als unwichtige Papiere betrachtet (Bock 2016).
  • Ausbildung ist nie mehr „aus“. Weiterbildung und lebenslanges Lernen qualifizieren künftig besser als Abschlüsse. Dafür braucht es andere Voraussetzungen als gute Noten, Fleiss, Lernbulimie und Tunnelstrategien.
  • Der Staat lagert nicht “systemrelevante“ Bereiche wie die Berufs- und Weiterbildung an Privatanbieter aus, die in Konkurrenz zu den Fachhochschulen und Hochschulen treten, mit ähnlichen Folgen wie im Gesundheits- und Sozialwesen. Wie und ob es den Einzelnen noch strukturiert und ihn aufbaut, ist eines der Probleme der Freiheit und Machtlosigkeit und Teil der flüchtigen Zeit (Baumann 2014). Die Doxa von der vernetzten Wissensgesellschaft als Jobmaschine ist jedenfalls eine Lüge.

Auszug aus unserem sich in der Endredaktion befindenden neuen Buches. Coming soon!

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1 Comment

  1. Susanne Groth

    Ein unheimlich wichtiges, aktuelles und drängendes Thema, das hier angesprochen wird. Learning & Development werden sich neu ausrichten dürfen, die Lernenden (also die Mitarbeitenden) werden noch mehr Bedeutung und Wichtigkeit bekommen. Sie müssen Kompetenzen für das lebenslanges Lernen entwickeln und ihre Konsumhaltung beim Lernen einstellen. Nur so wird es gelingen, die Herausforderungen der Zukunft wirklich erfolgreich zu meistern. Ich freue mich auf diese Ausgabe des Magazins!

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