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B(u)ildung 4.0: Die Umwertung (allen) Wissens? (Kap. 3.3)

Nichts und niemand vernetzt so schnell und weit wie Google’s Wissensgraph. In Millisekunden durchforstet es Milliarden von Websites, Enzyklopädien, Archive, Plattformen, vernetzt die relevanten Informationen und macht Wissen flüssig.

- (Bauman 2013)

Geschwindigkeit, Querverbindungen und Flow sind die Parameter der Umwertung des Wissens im digitalen Zeitalter.

Der Wissensfluss ist einerseits technologiegebunden. Nur digitalisierte und offene Inhalte werden von den Algorithmen erfasst, was verschlossenes Wissen (in den Köpfen, Schubladen, Archiven und geheimen Bibliotheken) ausschließt.

Andererseits ist dieser beschleunigte Wissensfluss gegenwartsgebunden. Aufgrund seiner Dichte und Geschwindigkeit hält er Zeitgenossen in der Gegenwart fest, was ganz neue Herausforderungen an das Gedächtnis, die Erinnerung und das Bewusstsein von Sein und Zeit stellt.

Die Geschwindigkeit und Querverbindungen werten alles Wissen in seiner Wertschöpfung um. Aus seiner unmittelbaren Reproduzierbarkeit generiert die Unternehmens- und Finanzwelt seit zwei Jahrzehnten ihren Mehrwert und der besitzlose Arbeitende künftig seinen Marktwert.

Spätestens seitdem Deep Blue aus dem Haus IBM hintereinander alle Schach-Weltmeister (1996), Watson die Jeopardy Wonderbrains (Markoff 2011) und schließlich Google auch noch den Go-Champion (2015) besiegte, hat das quantitative Wissen seinen Wert verloren und damit auch seine gesellschaftliche und professionelle Wertschätzung.

Die gelehrigen Alleswisser*innen sind nicht mehr die Klassenbesten. Akademische Titel als Einstiegskapital auf dem Arbeitsmarkt verlieren ihren Marktwert und nehmen den Besitzlosen die Möglichkeit, durch immaterielles Vermögen Zugang zum Kapital zu bekommen.

Die vernetzte Wissensgesellschaft wertet Wissen dabei nicht ab. Im Gegenteil. Sie ordnet es nur anders ein, bringt es auf einen gemeinsamen Nenner – nämlich den der unmittelbaren Wertschöpfung. Dazu befähigt sie alle, denn sie macht sie durch die digitalen Technologien von allen Seiten zugänglich, teilbar und vernetzbar.

Die Vision der digitalen Pioniere war, das Wissen aus Einbahnstraßen, Sackgassen, Schubladen und Archiven in frei zugängliche Netzwerke zu leiten, in denen es dann unendlich erweiterbar wird. Wissen sollte kreatives Gemeinwohl werden und sich nicht in den Händen weniger konzentrieren.

Das haben sie leider nicht verhindern können. In besonders lukrativen Bereichen (Biologie, Genforschung, Landwirtschaft, Pharmakologie, Raumfahrt, Chemie und Physik) konzentriert sich die Kontrolle der Daten, Informationen und des Wissens auch weiterhin dank der digitalen Möglichkeiten in den Händen Weniger. Patentrechte auf Heilpflanzen, Saatgut und Moleküle sind nichts anderes als die Privatisierung, Kommerzialisierung und Kontrolle des Wissens der Menschheit.

Open Source, kollaboratives Forschen, Entwickeln bleiben die Bausteine der Digital Humanities, bei denen es auch darum geht, den flüchtigen Wissensfluss im Web 1.0, 2.0, 3.0, 4.0, 5.0 in einer Zeitlinie festzuhalten.

So erfüllt Google mit seinen Algorithmen und nicht das Lissabonner EU-Projekt von 2000 den Traum der Aufklärer*innen von einer universalen Wissensbank, die unabhängig von Sprachen, Gepflogenheiten und Entfernungen Wissen verbindet, das gemeinsam mehr wert ist und zum Wohle der Allgemeinheit beiträgt. Für die einen ist es Information Overload. Für die anderen ist es das virtuelle Tor zur weiten Wissenswelt.

Der Wissensvorteil der menschlichen Intelligenz verlagert sich somit auch auf eine andere Ebene. Auf der Ebene des quantitativen Wissens kann das menschliche Gehirn fortan nicht mehr mit der künstlichen Intelligenz, den vielen Kanälen des Internets, den Suchmaschinen und der Interaktion der Zielgruppen konkurrieren. Das Gehirn muss sich komplett neu orientieren, sich neue Meilensteine schaffen oder sich einfach in einer endlosen Gegenwart treiben lassen (Yuan 2016). Kreativ wird es dabei nicht, sondern entweder träge oder ohne neue Ankerstrukturen verwirrt.

Das normative Wissen (was sein sollte…) hat eh nur den Wert des jeweiligen Systems. BWL, VWL, ML (Marxismus/Leninismus), Katechismus, Management-Theorien z.B. sind größtenteils normatives Wissen, das entweder auf einem Postulat basiert oder in eine Doxa verwandelt wird. Marxismus-Leninismus einerseits, Pflichtfach der sozialistischen Bildungssysteme, sowie die Theorie des wissenschaftlichen Managements andererseits, sind Beispiele, wie man hundert Jahre lang die Köpfe der Wissensarbeiter*innen mit normativem und deskriptivem Wissen abgefüllt hat und dabei jegliche Kreativität und Innovation ausgrenzte.

Beide werden sie jetzt von den drei neuen Parametern überholt: Geschwindigkeit, Querverbindungen und Flow.

Auszug aus unserem sich in der Endredaktion befindenden neuen Buches. Coming soon!

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