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B(u)ildung 4.0: Digital Rapids (Kap. 2.3)

Die digitalen Stromschnellen beschleunigen den Paradigmenwechsel in der Arbeitswelt und in der Bildung. Ihre Wechselbeziehung tritt in eine neue Phase. (Newman und Scurry 2015)

Der gerade entstehende Arbeits- und Lern- und Lebenszeitraum hat nichts mehr mit dem europäischen Sozialmodell des 20. Jahrhunderts zu tun (Witte 2004). Die Gesetze der Finanzmärkte und die digitale Revolution beschleunigten seinen lautlosen Abgang. Die Politiker und Sozialpartner unternahmen nichts, um es zu bewahren (La Tribune (Paris) 2012).

Die neuen Normen der Arbeitswelt (Flexibilität, Mobilität, Agilität in Zeit & Raum und ständig mutierende Kompetenz) verändern auch die Regeln der Bildung – nicht die der Allgemeinbildung, sondern die Raster der Aus- und Weiterbildung.

In Industriegesellschaften sind Bildungseinrichtungen immer ausbildend, auch wenn sie immer weniger wissen, wozu und wofür. Das fällt in der Grundausbildung nicht auf, wird aber zu einem ethischen und volkswirtschaftlichen Problem, sobald sie für Berufe ausbilden, die es nicht mehr gibt, die im Wandel oder automatisierbar sind (watson 2016). Das VUCA-Prinzip (flüchtig, ungewiss, komplex, ambivalent) bestimmt die Arbeitswelt: Neue Kompetenzraster entstehen aus den neuen Technologien und Wissen.

Dadurch muss nicht nur die Bildung vor der Arbeit, sondern auch die Weiterbildung neu konfiguriert werden.

Die chronischen Umschüler*innen und Weiterlernenden der Wissensgesellschaft arbeiten und lernen gleichzeitig und überall. Selbstorganisation, Resilienz, Wachsamkeit und Neugier – awareness, curiosity, resilience – zahlen wieder wie einst bei den Pionieren und Entdeckern auf die Grundkompetenz ein. Ohne sie ist Earning & Learning ein ständiges Zuspätkommen.

Earner & Learner im Doppelpack bedeutet auch, daß die Erwerbstätigen ihr berufsbegleitendes Lernen selbst organisieren und selbst finanzieren (Carnevale u. a. 2015). Auf wachsenden Wohlstand mit zunehmendem Alter, der immer mit einer wachsenden Rendite des erworbenen Wissens verbunden ist, werden sie wohl verzichten dürfen. Ihre Freiräume und Freizeiten regeln sie dagegen selbst und nicht mehr der Tarifvertrag.

Doch für die KMU, ihre Mitarbeiter*innen und ihre Zuarbeiter*innen ist diese neue Lern- und Arbeitsorganisation alternativlos. Als letztes und erstes Glied der Wertschöpfungskette stehen sie an der Peripherie und gleichzeitig an der Front. Der Kreativitäts- und Innovationszwang trifft sie dort massiver als die Großunternehmen (KMU-HSG 2016).

Siemens, Bosch, VW oder Rheinmetall können sich zeitnah auf dem Weltmarkt die nötigen Human- und immateriellen Ressourcen, Ideen, Patente und Köpfe zukaufen. Wie die 3,6 Millionen KMU, ihre etwa 17 Millionen festen Mitarbeiter*innen und die etwa 5 Millionen Freiberufler*innen (2016) das finanziell und organisatorisch durchhalten, wird sehr bald zu einem volkswirtschaftlichen Problem.

Ein konkretes Beispiel?

Erika L. arbeitet in einem Klinikum als wissenschaftliche Assistentin und weiß, dass Roboter schon überall einsatzbereit sind. Sie will die Informationen der Personalabteilung nicht abwarten und entscheidet sich für eine Weiterbildung als Data Scientist (Holtz 2014). Die hierzulande angebotenen Ausbildungen sind teuer und zeitaufwändig. Kostengünstige Angebote von US-Universitäten oder -Unternehmen als MOOC sind erschwinglicher, werden aber als Weiterbildungsmaßnahme nicht ernst genommen, weil ihnen das gängige Zertifizierungs-Procedere fehlt. Letzteres ist immer an lokale Parameter gebunden.

B(u)ildung 4.0 ist aber heute lokal und global verankert.

So entstehen Parallelsysteme:

Die bestehenden Finanzierungsmodelle der Weiterbildung (Bildungsgutschein usw.) sind veraltet und insgesamt kontraproduktiv und für die Jobs der Zukunft gibt es weder Fördermittel noch Belastungsausgleiche. Für die von der Automatisierung betroffenen Jobs gibt es außer dem Abstieg in die Billigjobs der Dienstleistungsbranche keine proaktiven, zukunftsorientierten Recherchen in den etablierten Bildungsinstitutionen.

Doch wenn die Bildungsträger einerseits und der Staat andererseits in der Wahrnehmung ihrer Bildungshoheit der gemeinsamen Mission nicht mehr nachkommen können, weil ihnen alles viel zu schnell geht und zu komplex wird, bleibt den Millionen KMU und Menschen im digitalen Umbruch nur noch die lokale und digital vernetzte Bildung über alternative Lösungen, parallel zu den (noch) bestehenden Bildungs- und Ausbildungsstrukturen.

Hier könnten sie gemeinsam den Bedarf und die Bedarfsdeckung von Wissen und Kompetenz organisieren, das überregionale Angebot und die lokale Nachfrage regulieren, Prototypen mit direkter Nutzererfahrung erstellen und transparente Strukturen schaffen – sofern sie es schaffen, sich diese vernetzte Selbstlern-Kompetenz anzueignen.

Ressourcen, um sich diese drauf zu schaffen, stehen im Netz bereit. Mit dem bekannten Lehrgangs- bzw. Schulungs- oder Workshop-Procedere hat das aber nicht mehr viel zu tun. Hier ist viel Kreativität und Agilität gefordert. Und Engagement.

Der Vorteil für die Beteiligten, die sich über diesen Weg weiterbilden: In allen Bereichen braucht man Fachkräfte, die ihre fachliche Expertise, ihr digitales Know-How und eine zeitgemässe Kompetenz einbringen – und ständig weiterlernen wollen. Von dieser Sorte gibt es hierzulande noch wenige und die wenigen werden meist von den Headhuntern der Konzerne in die weltweiten Innovation-Hubs gebracht. Darum müssen KMU diese Leistungsträger künftig selbst umwerben, um diese Wenigen auch für sich gewinnen zu können. Die Risiken einer zeit- und kostenaufwändigen Aus- und Weiterbildung tragen sie dabei allein.

Das systemische Versagen der lokalen Bildungsträger und der beschleunigte Informations- und Wissensverkehr machen deshalb überall die lokal tätigen KMU und die etwa 600 Millionen Wissensarbeiter*innen zum weltweit größten Marktsegment für das Education Business, weil die institutionellen Bildungssysteme nicht nachkommen und somit die Menschen und Unternehmen weiter zu unfreiwilligen Big Data Providern machen.

Auszug aus unserem sich in der Endredaktion befindenden neuen Buches. Coming soon!

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