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B(u)ildung 4.0: Flüssiges Wissen und agile Kompetenz (Kap. 3.5)

Die vernetzte Wissensgesellschaft wertet nicht das Wissen als solches auf, sondern die Menschen, die es vernetzen, verbreiten, erweitern und erlauben, daran anzuknüpfen, um es zu erweitern.

Dabei bleibt die sich ständig neu erfindende Gesellschaft hybrid und so ambivalent wie ihre digitalen Wegbereiter*innen. Doch ohne diese digital revolutioneers gäbe es weder Open Education noch das Kepler-Projekt, die unzähligen Desktop-Publishing-Tools, Github, Linux, Skype, WordPress, Firefox und vieles mehr.

Sie hatten (kurzfristig) die Reproduzierbarkeit des Wissens dem kompletten Zugriff der Konzerne und Daten-Kartelle entzogen und die offene Wissensgesellschaft theoretisch und praktisch ermöglicht. Inzwischen ist wieder alles beim Alten. Daten, Informationen und Wissen wurden zur Ressource, Treibstoff, Ware und NASDAQ-Werten. Was war ihre Vision und wie lautet die Botschaft der digitalen Revolutionäre?

Die offene Wissensgesellschaft ist technologisch möglich. Für die digitale Revolution ist sie die Voraussetzung. Wie alle offenen Gesellschaften ist sie extrem anfällig. Je mehr Menschen sich jedoch intelligent und aktiv daran beteiligen wollen und können, weil sie ihre Funktionalitäten verstehen und beherrschen, desto größer ist die Zahl derer, die sich der totalen Kontrolle, dem Monopoltrieb des Kapitals, der Zensur und der medialen Manipulation widersetzen können.

- (Ammon, Heineke, und Selbmann 2007)

Wie stark die Feinde der offenen Gesellschaft sind, sieht man in der Türkei, USA, Russland, China, allen totalitären Regimen und überall dort, wo die Zivilgesellschaft sich nicht mehr organisieren kann oder will.

Ihre traditionellen Verbündeten sind die individuelle und kollektive Lernfaulheit der einen und Machtbesessenheit der anderen. Daran scheiterten alle Hoffnungsträger, auch die der digitalen Revolution, die durch den offenen Informationsfluss die Gegenkraft entwickelten.

Offen statt umzäunt. In der vernetzten Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts ist die digitale Kompetenz ebenso wichtig wie das Expert*innen-Wissen, das implizite Wissen und das Erfahrungswissen. Letztere sind wertlos, wenn sie nicht aus dem geschlossenen Winkel in den offenen und digitalen Kreislauf gebracht werden. Die individuelle Netz- wie die gesellschaftliche Netzwerk-Kompetenz sind nur die Wegbereiter im digitalen Neuland.

Das setzt neue Fähigkeiten wie Digital Literacy, aber vor allem auch eine andere und unvertraute Denkart voraus. Sie lautet: “What’s mine is yours” und wurde vor einem Jahrzehnt auch das Motto des kollaborativen Konsums. Wissen ist nicht mehr individuell, sondern muss kollektiv und kollaborativ sein und kann durch Teilen und Verteilen noch ergiebiger werden. Altruismus wird zur Voraussetzung in einer Zeit, die sich dank des unendlichen Teilens und Verteilens regenerieren und nach Auswegen aus der Sackgasse des kapitalistischen Gesellschaftsmodells sucht.

Altruismus vs. Kapital – kann das funktionieren (Fisher 2009)? Manche kreativen Web-Wissenschaftler*innen bleiben hartnäckig am Ball und bringen sich konsequent störend weiter ein (Cox 2011).

Im ständigen Wissensflow werden Lehrende zu Lernenden und wechseln ständig die Seiten und Perspektiven. Und weil die digitalen Technologien auch noch den endogenen Beschleunigungsfaktor enthalten, wird lebenslange Weiterbildung in vielen Bereichen heute wichtiger als die primäre Ausbildung, die vielen Lernenden schon beim Erwerb als wirklichkeitsfremd vorkommt.

Das Erlernen der neuen Netzkompetenz, die für eine aktive und kreative Teilnahme an der digitalen Ökonomie wichtig ist, setzt das allgemeine Grundwissen (Alphabet, Geografie, Geometrie, Zahlen, Sprache) und die Grundbefähigungen (Lesen, Schreiben, Rechnen, Zeichnen! und Handwerken) voraus. Es ist nicht das Ende der Arbeit, wie Jeremy Rifkin es 1995 ankündigte (Rifkin 2005), sondern das Ende der gut bezahlten Festanstellung für Wisssensarbeiter*innen und der Anfang einer neuen Arbeits- und Lernorganisation (Giza 2014).

Aus dem flüssigem Wissen muss zukünftig jedeR seine persönliche Kompetenz ständig neu definieren und erneuern. Liquid statt starr. Das ist das Leitmotiv von Arbeit und B(u)ildung 4.0.

Auszug aus unserem sich in der Endredaktion befindenden neuen Buches. Coming soon!

Liebe Leser*innen – vielen Dank für euer tolles Feedback zu unserem Cover-Vorschlag. Ich finde es wirklich toll, wenn wir so etwas lesen dürfen (es zeugt von viel Vertrauen!): „Bitte mehr Dynamik und Vernetzung durch das Bild ausdrücken. Das ist alles noch zu brav, statisch und ‚old school‘.“ ABER: Bitte unterbreitet uns Vorschläge, wie so etwas ausschauen kann – mir (acw) fehlen derzeit die Freiräume für wirklich kreative Ergüsse, die nicht meiner Kern-Kompetenz entsprechen  … #danke 🙂 (zur Info: die Mehrheit findet den folgenden Vorschlag am akzeptablesten …) 

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1 Comment

  1. Alexandra Hessler

    An sich gut das Cover, aber vielleicht könnte noch irgendetwas unerwartetes den Himmel über der Bildungseinrichtung stören? Vielleicht könnte sich da jemand daraus „hochseilen“ oder so?

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