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B(u)ildung 4.0: Massenbildung (Kap. 1.4)

Mit dem stufenweisen Übergang von der Industriegesellschaft in die Dienstleistungsökonomie und dem massiven Anstieg der Angestellten als Wissensarbeiter*innen stieg das Volumen des normativen und deskriptiven Wissenstransfers innerhalb der Bildungssysteme. 

Normatives Wissen erklärt Normen und ihre Zusammenhänge so wie deskriptives Wissen Prozesse und Phänomene beschreibt. Beide bleiben in ihrem jeweiligen Kontext und sind nicht kreativ. 

So konnten Massen nach festgelegten und verbindlichen Normen gebildet und ausgebildet werden. 

CC BY fubrennt: https://flic.kr/p/7gKYDm

Allgemeinbildung verdrängte zunehmend praktische Fertigkeiten. Gleichzeitig wurde die Bildungsleiter Stufe um Stufe aufgestockt – im Sinne der Unternehmen, der Gesellschaft und der Politik.

Mehr Bildung steigerte die sozialen und beruflichen Erfolgschancen. Gut Ausgebildete in Hülle und Fülle seien gut für die Wirtschaft und die Gesellschaft, so hiess es. Diese Botschaft gefällt noch immer. Inzwischen ist jedoch schon jeder zweite Studiengang zulassungsbeschränkt.

Zusätzlich zum Numerus Clausus begegnete man dem Massenandrang mit dem Mengenprinzip:

Immer mehr Inhalte in immer kürzeren Zeiten und stressigen Bedingungen bei Reduzierung der Personal- und Betriebskosten.

So wird Druck aufgebaut und so entstehen Ausleseverfahren und der Nimbus des „positionalen Gutes“: Master of Business Administration, möglichst an einer Elite-Hochschule oder im Ausland – dafür lohnte sich bislang der finanzielle und zeitliche Aufwand.

  • 1950 genügte für den Einstieg in den Arbeitsmarkt ein Volksschulabschluss.
  • 1960 war der Realschulabschluss die Brücke zur Handelshochschule.
  • Ab 1980 galt das Abitur mit einem Notendurchschnitt 1.0 als Jakobsleiter zum Erfolg.

Doch die Massenproduktion hat trotz der Auslese ihre Kehrseite:

  1. Zu viele davon verderben den Preis und die Wertschätzung. Die Akademikerschwemme wird wieder zu einem volkswirtschaftlichen, ethischen und sozialen Problem (Dämon 2016). Wohin mit den Akademiker*innen, deren Ausbildung zwar teuer, aber deren Wissen zusehends ökonomisch wertlos ist? Zumindest in einer Lebenswelt, die sich rund um das Normalarbeitsverhältnis strukturiert…
  2. Das goldene Zeitalter der Abiturienten scheint vorbei zu sein. Die meisten Berufe, für die heute ein Abitur notwendig ist, werden morgen durch künstliche Intelligenz, digitale Technologien und Big Data in Form und Inhalt verändert und in vielen Fällen ersetzt.

Sicherlich bedauerlich, aber inzwischen steht gesellschaftlich die unmittelbare Effizienz von Bildung, Ausbildung und Weiterbildung direkt mit den Erfolgschancen der vierten industriellen Revolution in Verbindung. „Keine Industrie 4.0 ohne Bildung 4.0”, lautet die Botschaft in Stereo.

Nicht nur die Unternehmen zweifeln zunehmend an der Effizienz der Bildungseinrichtungen, sondern auch ihre Besucher*innen. B(u)ildung 4.0 bedeutet dagegen Kooperation, Zukunftsorientierung, Optimierung von Plattformen und Netzwerken statt normativer Vorlagen und Programme, deren Ausarbeitung länger dauert als ihre Relevanz.

BWL nützt gar nichts!

- (Kucklick 2013)

Trotzdem büffeln dort in der Betriebswirtschaftslehre über 53% aller Studierenden weiter (Monika Haas 2016). Es ist einfacher als neue Wege zu suchen und sie selbst zu vermessen. Der Angestellten-Fetisch ist dabei der eine Krückstock.

Gleichzeitig stellt die Digitalisierung nicht nur die Zeit- und Raumordnung aller Hochschulen und Universitäten generell in Frage, sondern auch die Formen, Inhalte, Modalitäten sowie die Kosten-Nutzen-Analyse ihrer Aktivitäten. Sobald die Lernenden nämlich direkt ihre Ausbildung selbst finanzieren, geraten die Bildungsträger unter Druck und müssen sich anpassen, wie in den USA und England und überall, wo sie direkt von den Lernenden finanziert werden und nicht vom Staat. Bis 2030 werden dort vermutlich nur wenige Hochschulen überleben (Schwartz und Thille 2015).

Darüber hinaus hat sich herumgesprochen: Die erfolgreichsten Unternehmer*innen der neuen Kreativindustrie und innovative Startuppers mit Geschäftsideen sind oft Studienabbrecher*innen. Neue Produkte brauchen keinen Master-Abschluss – im Gegensatz zu den Wissensarbeiter*innen im Angestelltenverhältnis (Pallotta 2012).

Die Wissensarbeiter*innen jedoch, egal auf welcher Stufe der Wissensleiter sie stehen, orientierten ihre Kompetenz und ihre Lernbereitschaft jahrzehntelang nach dem Prinzip: Je mehr Diplome, desto mehr Gehaltsansprüche. Wissen und Verdienst standen in direktem Zusammenhang.

Wenn heute also 53% aller Abiturienten immer noch pragmatisch BWL wählen, so folgen sie diesem quantitativen Gesetz des Wissenserwerbs und den Rastern und Wertvorstellungen der Welt von gestern, die von den Theorien vom wissenschaftlichen Management des letzten Jahrhunderts bestimmt ist:

Segmentieren, formatieren, standardisieren, evaluieren!

Das alte Denken war geprägt durch folgende Maxime: Damit quantitative Herstellungsprozesse am Ende Qualitätsprodukte hervorbringen, muss auf allen Ebenen Druck erzeugt werden. In der Produktion verkürzte man die Zeit, um die Produktivität zu steigern. In der Forschung setzte man auf den Wettlauf um Patente. Burn-out, Unfälle, Krankheiten waren und sind die Folgen.

Ähnlich im Bildungssystem: Hier sind stressgeschädigte Schüler*innen, Studierende (SPIEGEL ONLINE 2016) und Lehrende die Kollateralschäden eines Betriebssystems, das einfach weitermacht wie gewohnt.

Solange sich die Industriegesellschaft linear und langsam entwickelte, war das kein Problem. Doch die Gleichung Bildung ≈ Erfolg geht nicht mehr auf, wenn die Inhalte und die Reflexion der Zusammenhänge nicht in Echtzeit skalierbar sind.

Benutzerspezifisches und mit lokalen Ressourcen global vernetztes Lernen wäre dagegen Smarter Learning als Vorstufe zum Smarter Working.

Unmöglich? Unbezahlbar? Auf jeden Fall kostengünstiger als

  • die Bologna-Reform,
  • die akademischen Kreuzfahrtdampfer für das Massenpublikum (SPIEGEL ONLINE 2000),
  • Bildungsgutscheine ohne Jobchancen und
  • Fördermittel, die vom bürokratischen Aufwand aufgesaugt werden (finanzen.net 2016).

Die Zukunft und das Leben der Millionen Wissensarbeiter*innen im digitalen, globalen Zeitalter hängt vor allem von B(u)ildung 4.0 ab, deren Stimuli Vernetzung, Kollaboration und Zusammenarbeit sind. Sie setzt auf den schaffend tätigen Menschen, dessen Kompetenz und permanente Kreativität neue Werte schaffen, die es für eine nachhaltige Welt dringend braucht.

Permanente Kreativität jedoch generiert und regeneriert sich nur, wenn die Tätigkeit auch einen Sinn macht. Eine sinnvolle Arbeit gäbe ihrem Dasein statt der vertikalen Karriereleiter eine ganz andere Dimension…

Auszug aus unserem sich in der Endredaktion befindenden neuen Buches. Coming soon!

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