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B(u)ildung 4.0: Parallelwelten (Kap. 2.4)

Die Wissensarbeiter*innen des 21. Jahrhundert haben ein akutes Bildungsproblem. Sie müssen zeitnah mit Informationen und Wissen arbeiten, das sich ständig verändern, dabei ihr eigenes Wissen immer neu ordnen. Plötzlich verlagern sich die Bildungsschwerpunkte nach hinten.

Während die Handwerker von den technologischen Revolutionen massenweise verdrängt wurden, die Kompetenz der Fach- und Fabrikarbeiter*innen von produktiveren Maschinen ersetzt wird, können sich die Wissensarbeiter*innen ihren Job immer wieder neu erfinden. Theoretisch zumindest. Diese neue Kreativität ergibt sich aus den digitalen Technologien und ihrer Dynamik.

Dabei wechseln sie aber von der Angestelltenwelt in das Prekariat der Künstler*innen, Garagentüftler, Erforschenden über – und sind plötzlich allein auf weiter Strecke.

Du brauchst einen Job? Erfinde ihn!

- Thomas Friedman

… hört sich gut an, ist aber nichts für Ängstliche, sondern eher eine Freibeuter-Strategie – und Realismus (Reddy 2016).

Nehmen wir ein anderes Beispiel:

Bankkauffrau Erika Mustermann steht auf der blauen Liste der Deutschen Bank, die zügig tausende Stellen im mittleren Management und Kundendienst abbauen wird (FOCUS 2016) – und hat die Wahl:

Variante 1

Auf den blauen Brief aus der Personalabteilung und die Abfindungen zu warten und dann den Weg zum Jobcenter und als Arbeitslose eine Umschulung bzw. Fortbildung mit oder ohne Bildungsgutschein zu beantragen. Die werden nach dem Prinzip der Beschäftigungsmöglichkeiten vergeben und die sind im Gesundheitswesen, Erziehung und diverse Dienstleistungsjobs. Da wurden in den letzten Jahren Millionen Billigjobs geschaffen. Daran wird sich in Zukunft auch nichts ändern (Spicer 2016).

Sie bleibt so auf der sicheren Seite, ist weiter sozialversichert und die Kosten der Weiterbildung werden von der Bundesarbeitsagentur übernommen. Ihre Jobchancen sind mittelfristig gut, auch wenn sie weniger verdienen und ihr wahrscheinlich künftig Jobs über eine Online-Agentur vermittelt werden.

Variante 2

Die andere Lösung ist, sich so schnell wie möglich zur Finanzexpertin für Kryptowährungen (Frey 2017) weiterzubilden, weil sie gut informiert ist, die Entwicklung auf den regionalen und internationalen Finanzierungsmodellen aufmerksam verfolgt und weiß, daß nur die frühen Vögel die besten Erfolgschancen haben.

Financial Literacy ist das Verständnis einer entstehenden digitalisierten Finanzwirtschaft.

- (Greenspan 2001)

Bitcoin und Blockchain, Ethereum sind einige der vielen neuen Währungs- und Wertesysteme, die die Finanzwelt und alle Unternehmensbereiche neu ordnen könnten. Dafür braucht es Mitmacher*innen an der Basis, die disruptiv denken können.

Die Risiken sind jedoch vielfältig. Unterstützung vom Staat für noch nicht bestehende Jobs gibt es nicht. Weiterbildung, Umschulung und Bildungsgutscheine werden für klar definierte Jobprofile mit absehbaren Beschäftigungsmöglichkeiten vergeben. Seriöse Weiterbildungsangebote von Privatanbietern gibt es für die Jobs der Zukunft nicht. Welcher Privatanbieter würde heute das finanzielle Risiko eingehen, Bildungsangebote für Jobs, die es noch nicht gibt, auszuarbeiten? Dafür ist alles zu komplex und flüchtig, die Kosten sind unüberschaubar.

Das gilt für alle neuen Berufe der Zukunft, die zeitgleich mit den technologischen und wissenschaftlichen Möglichkeiten entstehen (Van Gosen u. a. 2014). Das Wissen und die Kompetenz dafür müssen sich die Pioniere zusammenbauen und ausprobieren. Praktizieren sie auch schon seit Jahren, sofern sie die nötige Netzkompetenz mitbringen. Die Lösungen sind dabei individuell und die Jobs der Zukunft entstehende Mikro-Unternehmen mit Quervernetzungen.

Die Finanzexpertin für Kryptowährungen in spé organisiert ihre Weiterbildung oder Umschulung in unserem Fallbeispiel also selbst, und zwar in fünf Schritten:

  1. Sie liest sich im Web ein.
  2. Sie baut Kontakte zu anderen “virtual currency experts” auf, die nicht nur im DA-CH-Raum, sondern weltweit verstreut arbeiten.
  3. Sie schließt sich einer Expert*innen-Gruppe auf LinkedIn an, um schneller an relevante Informationen und Erfahrungen heranzukommen.
  4. Sie veröffentlicht Beiträge und Publikationen und streut diese in relevante Kanäle über die sozialen Netzwerke.
  5. Sie baut sich in Eigenregie ihr künftiges Expertinnen-Profil auf, mehrsprachig, gut vernetzt und suchmaschinenoptimiert.

Sobald ihre persönliche Website als digitale Visitenkarte mit konkreten Angeboten, Publikationen, Newsfeed und Blog steht, kann sie sich in professionellen Netzwerken (LinkedIn, Xing) als Expertin weiter profilieren.

Ihre konkreten Jobchancen hängen dann (nur noch) von der Entwicklung der Technologien und der Märkte ab. Wenn sie quervernetzt denkt, entwickelt sie aus ihrer persönlichen Lernerfahrung einen professionellen Prototyp, den sie auf einer der vielen Lernplattformen als Lernangebot ausschreiben kann. So kann sie sich nicht nur als Finanzexpertin für alternative Finanzierungsmodelle, sondern auch als Dozentin vermarkten.

Das ist Weiterbildung 4.0 live und in Farbe. So entsteht ein Parallelsystem jenseits der bürokratischen Bildungsgutscheine und Umschulungen vom Jobcenter, deren Kosten-Nutzen-Verhältnis schon immer fragwürdig war (finanzen.net 2016).

Kleiner Seitenhieb …

Auszug aus unserem sich in der Endredaktion befindenden neuen Buches. Coming soon!

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1 Comment

  1. […] Beispiel der Bankfrau E. Mustermann im vorigen Kapitel zeigt somit das Entstehen einer Parallelwelt, wo von einer Minderheit kreativ denkender […]

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