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B(u)ildung 4.0: Prototyping (Kap. 2.7)

Das ständige Gespräch mit alten und neuen Ideen ist Prototyping. Die Kreativindustrie erfand dafür das Design Thinking (Goldman und Kabayadondo 2016). Es geht über die Produkt- und Lösungsentwicklung hinaus.

Für die ständig neu definierbare Interaktion von Wissen, Bildung und Kompetenz ist kontinuierliches Prototyping die ideale Methode für die Liquid Modernity, also dem Zeitalter nach der Postmoderne nach Zygmunt Baumann, in der Wandel die einzige Beständigkeit ist und Ungewißheit die einzige Gewißheit (Palese 2013).

Bildungsmanagement im Prototyping zu entwickeln ist somit die smarte Variante zum funktionalen Bildungs-Business, denn das prototypische Verfahren bindet die neuen Voraussetzungen für eine zeitgemässe Kompetenz im 21. Jahrhundert in den primären Lehr- und Lernprozess gleich mit ein. Nichts ist in der vernetzten Wissensgesellschaft einfacher als Prototyping. Es ist für moderne Wissensarbeiter*innen noch einfacher als für Leonardo da Vinci, der um 1510 den Prototyp des Fahrrades entwarf. Doch es brauchte 300 Jahre für dessen Umsetzung (Patalong 2016).

Nicht so im schnelllebigen 21. Jahrhundert. Die Prototypen der vierten industriellen Revolution müssen kurzfristig entwickelt, getestet, verbessert und als Lösung oder Produkt bereitgestellt werden. Sie entstehen zwar wie zu Zeiten von Leonardo da Vinci aus Beobachtungen, technologischen Möglichkeiten und einer zeitgemässen Kompetenz, doch unterliegen sie dem Gesetz der kurzen, schnellen Zyklen. Prototyping statt Programme und Pläne. Das gilt auch für die Bildung, wenn sie eine aus- und weiterbildende Aufgabe haben will.

Wenn die staatlichen Bildungsangebote aber diesem Tempo nicht zeitnah folgen, müssen die Menschen und die Unternehmen selber Lösungen erfinden bzw. einfach die Möglichkeiten nutzen, die Dank des Webs (2.0) ihnen zur Verfügung gestellt wurden.

So können sie sich z.B. als Mitarbeiter*innen an einer oder mehreren der vier kollektiven Sofort-Lösungen für KMU beteiligen: Offene Universitäten, Kompetenzcluster, Corporate University, Bildungsgenossenschaft – was aber mittel- und langfristige Unternehmensstrategien voraussetzt.

Dabei werden die Überlebenschancen von KMU immer kürzer. Ein Viertel der alten KMU sind im Nachfolge-Dilemma verfangen und die Startup-Szene arbeitet nach dem Prinzip der Kurzfristigkeit und der prekären Arbeitsverhältnisse. Anstatt viel Zeit und Geld in Prototyping zu investieren, folgen viele KMU wie die Konzerne den Empfehlungen der Unternehmensberater*innen: Temporäre Mitarbeitende. Die bilden sich selbst weiter, um sich am Arbeitsmarkt “erfolgreich” zu positionieren. Und sie stellen weniger Ansprüche.

Die Weiterbildung bleibt somit bislang am letzten Glied der Kette hängen: den Wissensarbeiter*innen bzw. den potenziellen Erwerbstätigen, die im täglichen Überlebenskampf auf sich alleine gestellt sind.

Mittelfristig schadet dieses Vorgehen zwar dem Branding und der Netzwerkdynamik der Unternehmen und der Gesellschaft, denn im globalen “War for talents” wachsen kompetente Fachkräfte viel zu langsam nach. Nicht alle KMU arbeiten im Billiglohnsektor der Dienstleistungsbranche und nicht alle können sich auf dem Weltmarkt die besten Köpfe kurzfristig beschaffen.

KMU, deren Erfolg auf Innovationskraft und Kreativität basiert, brauchen insofern eine integrierte Weiterbildungsstrategie. Nicht um den Mitarbeiter*innen Lesen, Schreiben und sonstige digitale Kompetenz beizubringen, sondern um sie im globalen und lokalen Wissensfluss zu vernetzen, so dass sie beständig mitwachsen können.

Bildungsmanagement im Prototyping zu entwickeln ist also die smarte Variante zum funktionalen 0815-Bildungs-Business. Es bedeutet nämlich, die zentralen Voraussetzungen für eine zeitgemässe Kompetenz in den primären, vernetzten Lernprozess mit einzubinden. Dieses moderne Kompetenzraster mit einem Wissensaustausch im sozial vernetzten Personal Learning Environment zu entwickeln und immer weiterzuentwickeln, ist Prototyping live.

Nur, wie baut man dieses vernetzte Kompetenzraster auf?

Für das funktionale Bildungs-Business ist Prototyping kein Geschäftsmodel. Es setzt auf Fertiggerichte, zusammengekocht aus E-Learning, Blended Learning, Maschinenlernen und den guten alten Seminaren, Workshops, Kursmodulen, Curricula, Methoden usw. usf. – gut verdaulich und skalierbar darreichbar. Das wird aber mittelfristig nicht reichen, in der Innovationsspirale erfolgreich mitzudrehen.

Ob Speed Prototyping, Live Prototyping oder Pilotprojekte im Prototyping: Für Kleinunternehmen und ihre Mitarbeiter*innen ist Weiterbildung 4.0 nicht nur eine Kostenfrage, sondern sie sollte Teil einer nachhaltigen Kompetenz-Strategie sein. Wer aktiv an diesen drei Modi Operandi des Prototyping 4.0 teilgenommen hat, kann es auch im Arbeitsalltag einsetzen. Das wäre auch eine Lösung für dieses Problem:

„Jedes dritte Unternehmen (36%) gibt an, die eigenen Mitarbeiter nicht intensiver rund um digitale Kompetenzen weiterzubilden, weil die Weiterbildungsangebote zu teuer sind.“ (Dirks 2016)

Prototyping ist bedarfsorientiert und hat auch mittelfristig einen immateriellen Wert. Es fördert die Kreativität und Innovationskraft der Mitarbeiter*innen. Und irgendwann beherrschen sie es genauso gut wie die künstliche Intelligenz …

Auszug aus unserem sich in der Endredaktion befindenden neuen Buches. Coming soon!

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1 Comment

  1. Joana Kompa

    „Es (das Bildungsbusiness) setzt auf Fertiggerichte, zusammengekocht aus E-Learning, Blended Learning, Maschinenlernen und den guten alten Seminaren, Workshops, Kursmodulen, Curricula, Methoden usw. usf.“
    Dieser Kommentar war eine sehr gute Zusammenfassung des gegenwärtigen Dilemmas. Prototyping setzt eine kooperative und partizipatorische Herangehensweise voraus die den (von einem ökonomischen Denken konditionierten) Entscheidungsträgern zuwiderläuft. Man sucht ‚quick fixes‘, idealerweise von quantitativen Studien abgesegnet. Das zweite Problem liegt m.E. in der Methodik sozialen Wandels, d.h. die mangelnde qualitative Einbeziehung aller Beteiligten und ihrer Nöte, Stärken, Lebensmuster, Anliegen, Ideen und Perspektiven.
    Vermutlich wären kleine Projekte vor Ort, etwa Schulen, die sich in die Digitalisierung wagen möchten aber noch nicht ganz trauen, praktische Ansatzpunkte um gemeinsam Prototyping Kompetenzen zu entwickeln. Es wäre schön wenn in ferner Zukunft einmal soviel in die Bildung junger Menschen investiert wird wie in die Entwicklung der künstlichen Intelligenz.

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