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B(u)ildung 4.0: Round-Up (Kap. 2.2)

Die vernetzte Wissensgesellschaft bleibt für viele abstrakt und ist für einige schon sehr konkret, sobald ihr Wissen bereits von Maschinen reproduziert und ihre Kompetenz so auf dem Arbeitsmarkt immer wertloser wird.

Automatisierung, künstliche Intelligenz, technologische Umbrüche wie z.B. beim größten Arbeitgeber Deutschlands, der Automobilindustrie, stellen nach und nach tausende Beschäftigte frei (Bubeck 2017). Die gesamte Zulieferkette muss sich in den nächsten Jahren komplett neu orientieren, denn e-mobile braucht nur noch einen Bruchteil der üblichen Komponenten.

Auch Banken, Versicherungen, Dienstleister und Siemens streichen die Stellen der Wissensarbeiter*innen im mittleren Management und der Verwaltung. Die GIG-Economy zieht klammheimlich durch die Hintertüren in den Großunternehmen ein: temporäre Mitarbeiter*innen oder Projektmanager*innen, überall, wo viel kreative Energie gefordert wird oder die Unternehmen nur noch auf Zeit einstellen (McKinsey & Company 2013).

Arbeiten nach Prozessen und Richtlinien kann die Software von IBM, Google und ihre Epigonen besser, billiger, schneller. Sie “buggen” manchmal und müssen ständig gewartet werden, verlangen aber weder Auszeit noch Elternurlaub, kennen keinen Burnout und arbeiten 24/7. Sie brauchen Updates, doch keine Weiterbildung, denn sie bilden sich selbst mit anderen Cyberbots vernetzt weiter. Das schaffen die meisten Wissensarbeiter*innen noch nicht.

Ein paar Beispiele …

Alles, was automatisierbar ist, wird auch automatisiert.
  • Der Bankschalter von morgen ist online und Algorithmen geben bessere Anlage-Tipps als Kundenberater*innen der Sparkasse – und zocken weniger als die Top-Manager*innen. Professor*innen und Dozierende, deren Tätigkeiten zu 80% aus der Reproduktion ihres (alten) Wissens und Verwaltungskram bestehen, sind in der aktuellen Ausübung ihrer Kompetenz komplett ersetzbar.
  • Auch die Bürokraten in den Bildungseinrichtungen und anderen Verwaltungen sind nur noch finanzierbar, weil niemand eine effektive Kosten-Nutzen-Analyse im Vergleich zu Software-Lösungen macht. Rentabel waren sie eh noch nie und das humanitäre Chaos bei der LAGESO in Berlin wäre mit intelligenten Cyberbots wahrscheinlich nicht passiert.
  • Rechtsanwälte werden in den großen Kanzleien und Konzernen zunehmend durch Software ersetzt, die die zeitaufwändigen Recherchen und juristischen Vorarbeiten erledigt. Eine Software, die in einer Stunde alle Präzedenzfälle, Urteile und Revisionen auf drei verschiedenen Ebenen (EU-Recht, deutsches Recht, US-Recht) auswertet, wird bei CETA zu einem Wettbewerbsvorteil.
  • Den Journalist*innen und Redakteur*innen schrumpfen schon länger die Stellen weg, denn Nachrichten-Bots verfassen die Pressemeldungen, die dann von allen Agenturen weitergeleitet und oft nur reproduziert werden. Seit 2001 verschwanden weltweit etwa 60% aller Zeitungen und Zeitschriften. Der Rest konzentriert sich in den Händen weniger Medien-Tycoons, die immer im Verbund mit den Finanzmärkten arbeiten.

Die neuen technologischen Reproduktionskanäle von Informationen und Wissen und die schreibenden Bots zwingen Journalist*innen, Redakteure, Lektor*innen schon lange extrem kreativ und resilient zu sein und sich selber ihre neuen Jobs zu schaffen. „Need a job? Invent it“, rät Thomas Friedman allen Arbeitenden im 21. Jahrhundert (Friedman 2013). Die Industrie schafft keine neuen Jobs mehr und der Staat stellt nur in hoch sensiblen Bereichen ein.

Der schleichende Wandel in ihrer Arbeitswelt fällt in der Masse dem Gros der Erwerbstätigen im Normalarbeitsverhältnis noch nicht auf. Erst wenn zigtausende Menschen gleichzeitig und am gleichen Ort ihre Arbeit verlieren, wie z.B. in der Metall- und Automobilindustrie, gibt es kurzfristig Schlagzeilen. Wissensarbeiter*innen gehen aber nicht auf die Straße und die Wissensgesellschaft ist auch eine Wegseh-Gesellschaft, mit wenig Solidarität und Klassenbewusstsein.

Ein Blick zurück

Alle Wissensarbeiter*innen des 21. Jahrhunderts gehen nach und nach den gleichen Weg wie vor ihnen im 19./20. Jahrhundert Millionen Handwerker und Fabrikarbeiter*innen. Der Arbeitsplatz in der Fabrik war nicht für alle ein sozialer Aufstieg. Die schöpferische Zerstörung der Arbeitsplätze wurde bis 1945 auch von der kriegerischen Zerstörung und demographischen Seitenausgängen begleitet.

Massive Auswanderungswellen ab 1848, soziale Konflikte, ein Dutzend lokaler Kriege quer durch Europa in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowie zwei Weltkriege im 20. Jahrhundert glichen die negativen Stellenbilanzen der industriellen Revolutionen in kurzen Abständen aus (Universal-Lexikon 2012). Solange die Industrieländer die Ausfahrt nach Übersee hatten, konnten sie auch ihren sozialen Ausschuss outsourcen.

Der Wiederaufbau Europas nach zwei Weltkriegen und großen materiellen und menschlichen Zerstörungen bescherte der Alten und Neuen Welt ein einmaliges Job- und Wirtschaftswunder. „Der Markt wird es schon richten“ und die zyklische Neuordnung durch Zerstörung wurden zur ökonomischen Faustregel.

Die Theorie der schöpferischen Zerstörung mit mehr Arbeit, sozialer Sicherheit, Wohlstand und Fortschritt lässt aber im 21. Jahrhundert die alten und neuen geopolitischen und ökologischen Umstände beiseite. Die haben das globale Spiel heute komplett gewandelt.

  • Europa kann nicht mehr Millionen Arbeitsuchende auf andere Kontinente verteilen.
  • Nur Zyniker und Megalomanen wünschen sich heute noch bewaffnete Konflikte in Europa. Seine Waffenindustrie lebt inzwischen von den Konflikten an der Peripherie.
  • Bewaffnete Konflikte an der Peripherie motivieren Millionen Menschen Sicherheit und Überlebenschancen in Europa zu suchen.
  • Die schöpferischen Zerstörungsschübe kommen in immer kürzeren Abständen. Ihr Treibstoff ist die beschleunigte Transformation des reproduzierbaren Wissens zu Mehrwert.

Aus dieser Dynamik entsteht B(u)ildung 4.0. So hoffnungslos ist die Lage also nicht.

Chancen von heute

Die Wissensarbeiter/innen der globalen Netzwerkgesellschaft können zwar nicht mehr massiv in die Neue Welt oder in andere Länder auswandern, wie es die Handwerker und Arbeiter*innen der vorigen industriellen Revolutionen taten. Aber sie haben trotzdem einen kleinen Vorteil. Sie wissen zumindest rechtzeitig, was auf sie zukommt und können sich durch vernetztes Lernen im und mit dem Netz vorbereiten. Fatal wäre es für sie, wenn sie auf den Impuls von außen warten.

Die Wissenschaftler aus Oxford (Frey und Osborne 2013) und dem MIT (Brynjolfsson und McAfee 2012) gingen 2013 von 47% aller Jobs in den USA aus, die von den drei Disruptoren (Automatisierung, künstliche Intelligenz, digitalisierte Technologien) ersetzt werden. Es ist nicht das Ende der Arbeit, doch die gut bezahlten, sicheren Festanstellungen mit Karriereaussichten bei einer Versicherung, Bank, Großunternehmen sind passé. Weltweit werden wohl Milliarden Menschen die Zukunft ihrer Arbeit selbst erfinden und zu Selbst-Entrepreneurs werden müssen. Hochgerechnet wären das hierzulande 18 Millionen Menschen.

Bedeutung der B(u)ildung 4.0

Gleichgültig, ob man den Job selbst erfinden muss oder doch noch irgendwo anheuern kann: Welche Kompetenzprofile künftig jenseits des steigenden Bedarfs an gering bezahlten Pflege-, Sicherheits- und Servicediensten und den klassischen MINT-Fachkräften am Markt gebraucht werden, kann niemand vorhersagen, zumal bislang Bildungs-Prognosen immer daneben gingen. So bleibt den Erwerbstätigen der Zukunft nur noch die ständige Auseinandersetzung mit einer andauernden Weiterbildung und Umschulung on demand. Die lernfähige Produktion überlebt. Das gleiche gilt auch für die Menschen (Ciupek 2016).

Die Prognosen des Club of Rome setzten 2010 weltweit auf 100 Million Qualitätsjobs, vorausgesetzt, dass lokal alle Potenziale der Wissensgesellschaft (Vernetzungen, lokale Kompetenzcluster, Wissenscluster, Interoperabilität) für die systemisch kaskadierende Geschäftsmodelle wie die Blue Economy (Pauli 2016) genutzt werden. Umgesetzt wurde davon bislang wenig – zu wenig nachhaltig ist unser aktuelles Wirtschaftsmodell angelegt.

Auch Jeremy Rifkin sieht in den aktuellen und künftigen Technologie-Schüben neue ökonomische Kräfte und nicht mehr das Ende der Arbeit, wie 1995 vorausgesagt (Rifkin 2014). Gemeinsam mit den Prognosen des Weltwirtschaftsforums 2016 (World Economic Forum 2016) enthalten alle drei die gleiche Botschaft:

Die guten Jobs der Zukunft entstehen ständig neu, doch nur durch vernetztes und geteiltes Wissen, an dem alle permanent mitarbeiten müssen.

Auszug aus unserem sich in der Endredaktion befindenden neuen Buches. Coming soon!

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