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B(u)ildung 4.0: Sei kreativ oder … (Kap. 1.6)

Wissensarbeiter*innen haben ihre Kompetenz im Kopf und waren bislang das Fertigprodukt eines komplexen Bildungssystems. Kreativität war allenfalls in den schönen und angewandten Künsten und im Kunsthandwerk gefragt.

Das persönliche Kompetenzraster von Wissensarbeiter*innen setzt sich aus viel normativem und deskriptivem Wissen plus persönlicher Erfahrung zusammen. Das unterscheidet sie von Bauern, Handwerker*innen und Fabrikarbeiter*innen, deren Arbeit körperlichen Einsatz und auch geschickte Hände fordert.

Von der Buchhalterin zum Wissenschaftler, von der Mitarbeiterin im Service-Center zum Manager, vom Juristen zur Lehrerin – sie alle sind Teil der Wissensarbeiterschaft ohne feste soziale und professionelle Verankerung zwischen Industrie, Handwerk und Freiberuflertum.

Die meisten Wissensarbeiter*innen sind deshalb nur austauschbare Elemente ohne kreative Eigenschaften. Sie bringen keine an ihrer Person haftenden Fähigkeiten mit, um mit Manuel Castells zu sprechen (Wagner 2011). Darum werden sie von intelligenten Maschinen ersetzt, sobald ihre Arbeitsprozesse automatisierbar sind und von künstlicher Intelligenz besser und billiger ausgeführt werden können.

Verschiebungen am Arbeitsmarkt

Zwischen 20 und 47% der Angestellten, so die Prognosen der MIT und Oxford-Wissenschaftler, sind davon weltweit betroffen (Frey und Osborne 2013). Dies sei für Deutschland zu optimistisch, so Wolf Lotter. Die volkswirtschaftliche Abteilung der ING-DIBA rechne mit einem Verlust von bis zu 59% (Lotter 2015). Studien im Auftrag des BMAS über die Beschäftigungseffekte der Industrie 4.0 für Deutschland hingegen gelangen zu dem Fazit:

Deutliche Verschiebungen zwischen Berufsgruppen, keine signifikanten Beschäftigungsverluste.

- (BMAS 2016)

In englischsprachigen Kreisen ist man weniger zuversichtlich. Der Trend zur Automatisierung habe sich sogar noch beschleunigt und sei unaufhaltsam (Shewan 2017). Der neue Phänotyp am Arbeitsmarkt sei der Innovator, Künstler, Tüftler, Maker, der Entrepreneur mit

  • erweiterbarem Fachwissen,
  • dazu ein gewisses Maß an Netzkompetenz,
  • ohne Routinearbeiten,
  • der selbstorganisiert lernt und arbeitet (Frase 2016).

Es ist eben nicht mehr der Manager oder Angestellte die zentrale Figur, der sich in horizontale Arbeitsprozesse und vertikale Hierarchien einfügt, um die sich der Arbeitsmarkt zukünftig wertschöpfend kreisen wird.

Das kommt dem Lebensgefühl vieler Menschen durchaus entgegen. Entwickelt und belebt von den digitalen Technologien reproduziert die vierte industrielle Revolution gleichzeitig das Wertesystem ihrer Pioniere. Die wollten anfangs

  • dezentrale Netzwerke, in denen sich Informationen und Wissen unendlich und offen reproduzieren und dabei vernetzen kann;
  • immaterielles Wissen zur Materie machen, die im Mashup Neues erzeugt, möglichst zum sofortigen Wohl der Weltbevölkerung und zum Nutzen für die nächsten Generationen.

In diesem Sinne ist B(u)ildung 4.0 kollaborativ, vernetzt und immer im Wandel. Mit einer gewissen Tradition. Die 70er Jahre waren noch Zeiten des Aufbruchs und intellektuellen Umbruchs. Inzwischen stecken diese Ideale weltweit verstreut und vernetzt zwischen Wall Street und Main Street fest. Doch ihre Technologien schafften den Durchbruch und die schöpferische Zerstörung durch die neue Kreativindustrie.

Innovationen sind eine Kernkompetenz der Kreativindustrie. Kreative Unternehmen entwickeln neue Ideen, Produkte, Dienstleistungen und stellen sie dann in kleinen Serien kundenspezifisch als Unikate oder Prototypen her. Normalerweise handelt es sich nicht um technische, sondern um sog. Soft Innovations, die in ihrem Konzept und ihrer Verwirklichung kaum klar definierte Patente, Produkte oder Prozesse beinhalten.

- (Fraunhofer ISI 2012)

Das ist der Paradigmenwechsel, den alle Wissensfabriken in ihre Fertigungslinien aufnehmen sollten. Sonst ereilt sie schnell das gleiche Los wie das der Kaufhäuser der Innenstädte: menschenleer, voller Ladenhüter und Personal ohne Zukunft.

Es entstehen Wissensplattformen

Wissen lässt sich nicht mehr bündeln und löffelfertig in den Bildungsinstitutionen und etablierten Routinen ausliefern. Es ist flüchtig und muss sich vielfältig vernetzen mit der Welt draussen.

Die Hochschulen in den USA versuchten das nach der Finanzkrise seit 2009 in Form von Open Knowledge Plattformen und MOOCs. Ohne Massive-Open-Online-Kurse würden sie schnell wieder zu kleinen, elitären Einrichtungen schrumpfen, wo den Kindern der Oberschicht beigebracht wird, wie man dort dauerhaft die Stellung hält. Diplome und Titel brauchen die für ihre Karriereleiter ja nicht und Kreativität und Innovation kann man zukaufen.

Mit den MOOCs gelang der Sprung über den begrenzten Tellerrand in die globale Gesellschaft. Der Long Tail (der lange Rattenschwanz) der Vernetzung und des Crowdsourcings wurde zum zentralen Treiber des beginnenden Transformationsprozesses.

Die nächste Etappe sind voraussichtlich Plattformen mit multiplen Ebenen und Seiten (multiple sided platforms), wo unterschiedlichste Benutzer*innen, Inhalte, Formen und Bedürfnisse vernetzt, verkreuzt und angereichert werden. Ob und wie effizient sie dann funktionieren, hängt wie bei allen Plattform-Modellen von der Menge der Benutzer*innen und der Vielfalt der Daten ab.

Im englischsprachigen Raum ist das eher eine Frage der Geschwindigkeit und des Geschäftsmodells. Aber wie und wo können sich auch Millionen deutschsprachige Wissensarbeiter*innen am Puls der Zeit bewegen? Wie könnten sie Druck aufbauen, damit sich etwas auch in D-A-CH bewegt? Bildung in zentralen öffentlich-rechtlichen Organisationen wird im globalen Wettlauf zur tödlichen Falle.

Die kreative Klasse & die anderen

Die Creative Class bleibt auch in Zukunft eine überschaubare Gesellschaft von Menschen, die mit ihrer an der Person haftenden Kompetenz erfinderisch arbeiten kann. Der Kern der kreativen Klasse, die Künstler*innen und sich selbst motivierende “Self-Starter”, sind emblematisch für die Kreativindustrie – und das Gegenteil der Wissensarbeiter*innen des 20. Jahrhunderts, die im Angestelltenverhältnis auch immer mehr in Prozesse, Protokolle und Prozedere eingeordnet wurden.

Ob die kreative Klasse auf der Kommandobrücke der Weltwirtschaft stehen wird, bleibt dahingestellt. Als Auslese der kreativen und innovativen Köpfe haben sie jedenfalls bei den neuen Besitzern der Produktionsmittel einen hohen Stellenwert – sofern sie sich im digital vernetzten Weltmarkt zu bewegen wissen. [Auf die gentrifizierenden Kollateral-Schäden wollen wir an dieser Stelle nicht eingehen. (Wetherell 2017)]

Die restlichen 90% der Wissensarbeiter*innen müssen hingegen – anders als ihre Vorgänger*innen in der Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft – vor allem smart sein, um in Smart Factories, Smart Offices, Smart Services und im Umgang mit den neuen Technologien, der künstlichen Intelligenz und Big Data einen Mehrwert zu erzeugen. Nur hier in den Smart Factories / Offices / Services wird es für sie übergangsweise noch Arbeitsverhältnisse mit Festanstellung geben. Die Alternative lautet Selbstständigkeit, sich selber neue Jobs erfinden und sie dann gezielt und geschickt vermarkten.

Um damit zu überleben, müssten sie dann aber in den Kernbereich der Creative Class vordringen. Nur so können sie es langfristig schaffen, im Wettlauf mit den intelligenten Maschinen noch ihr Alleinstellungsmerkmal und ihre menschliche Eigenheit zu behaupten. Smart ist demnach mehr als nur ein Modewort. Es ist die Überlebensstrategie in der Liquid Society (Baumann 2013), zumindest in der Übergangszeit.

  • Soft Power ist die Interaktion in einer digital vernetzten Welt;
  • Mashing Up beschreibt die intuitive Vermengung von Daten, Informationen und Wissen, um andere Schnittmengen und Querverbindungen zu erzeugen;
  • Agil ist das Gegenteil von schwerfällig, träge, unbeweglich;
  • Responsive bezeichnet die Anpassungsfähigkeit und intellektuelle Skalierbarkeit;
  • Transient bedeutet immer im Übergang zu sein. Transition Towns & Places werden zu Knotenpunkten der digitalen Gesellschaft.

Auszug aus unserem sich in der Endredaktion befindenden neuen Buches. Coming soon!

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2 Comments

  1. Jana

    Wenn ich mir den Phänotypen eines Kreativen am Arbeitsmarkt ansehe, frage ich mich schon, wenn es keine Routinearbeiten geben sollte, wie kann Kreativität dann ausgelöst werden?

    Meines Erachtens entsteht Kreativität dann, wenn ein Wechsel von herausfordernden und nicht herausfordernden Aufgaben gegeben ist. Befindet sich das Gehirn im ständigem kreativen Einsatz leidet der Prozess der Kreativität darunter.

    Auch wenn aktuell viele Aufgaben von Wissensarbeitenden Routineaufgaben entsprechen sollten, ist für mich der formulierte Ansatz „keine Routine“ das Verfallen ins Gegenteil. Und handelt es sich dabei nicht um eine typisch menschliche Eigenschaft das Bilden von entgegengesetzten Mustern? Allerdings kann mit der Verdeutlichung des Gegensatzes gut auf ein notwendiges Merkmal hingewiesen werden, das zukünftig stärker ausgeprägt sein müsste.

    1. angelica laurencon

      Ob Kreativität durch Routine entsteht, mag in den bildenden Künsten oder im Handwerk zutreffen. Weil die meisten Wissensarbeiten auch zunehmend bürokratisiert wurden (Prozesse, Qualitätsmanagement, Nachvollziehbarkeit) entsteht eher der Burn-out oder Bore-out.

      Automatisierbar sind zudem gerade die Routinearbeiten des Wissensarbeiters, sofern er nicht schnell in die Manager oder Makersphäre vordringt.

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