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B(u)ildung 4.0: T-Shape Generationen (Kap. 3.4)

Die Dienstleistungsgesellschaft kann ebenso schnell demontiert werden, wie sie entstanden ist. Die von ihr generierten Kompetenzen und Wissensinhalte sind so vergänglich wie die Werte, die sie geschaffen hat.

- (Fourastié und Fourastié 2000)

Im Übergang von der industriellen Produktionswirtschaft zur Dienstleistungswirtschaft wurden handwerkliches Wissen und kreative Fähigkeiten an den Rand gedrängt und nach den Produktivitätsgesetzen der Dienstleistungsgesellschaft bewertet – und somit auch entwertet.

Kontextbezogene Anweisungen und Wissen, in Kompendien in Lerneinheiten formatiert, ersetzten die Kompetenz des homo faber, des schaffend tätigen Menschen. Quantitatives Wissen ohne jede Verwertbarkeit außerhalb des jeweiligen Kontextes wurde zur Wertschöpfung der Wissensarbeiter*innen.

Was für die Dienstleistungsgesellschaft des 20. Jahrhunderts galt, trifft auch auf die vernetzte Wissensgesellschaft des digitalen Zeitalters zu. Fachidiot*innen (Jeges 2015) stehen zwar immer noch hoch im Kurs, richten damit viel Schaden an, sind aber Auslaufmodelle wie Diesel-Fahrzeuge, die jedoch ebenfalls noch weiter produziert werden.

Im Unterschied zum normativen und deskriptiven Betriebs- und Prozesswissen, mit denen das Management im 20. Jahrhundert die Mitarbeiter*innen in immer kürzeren Abständen überhäufte, stehen die Wissensarbeiter*innen der digitalen Revolution vor anderen Aufgaben. Von ihnen wird im Unterbau Fachwissen mit technologischem Know-How gefordert, das sich in immer kürzeren Zeiten verändert und im Oberbau die Netzkompetenz für das 21. Jahrhundert, die die individuelle und kollektive Kreativität fördert und sie mit vielen anderen Welten vernetzt.

Wenn der amerikanische Soziologe Richard Florida 2003 noch den unaufhaltsamen Aufstieg der kreativen Klasse voraussagte, meinte er damals die 40 Millionen Wissensarbeiter*innen in den USA, die sich von der Unternehmens-Kultur der Dienstleistungsgesellschaft losgemacht hatten und zur neuen immateriellen Wertschöpfung in der vernetzten Wissensgesellschaft beitragen sollten (Florida 2003).

Inzwischen hat sich vieles beschleunigt und die schöne neue Welt der Creative Class verändert. Die Verheißungen der Freelance Economy wurden schnell vom Plattform-Business verdrängt. Ob dies zwangsläufig ein Problem sein muss, sei dahin gestellt (Wagner 2016).

Innerhalb eines Jahrzehnts entstanden jedoch weltweit unzählige Zeitarbeits-Plattformen für temporäre Mitarbeiter, von denen 89% ins Prekariat abrutschen (Hawiger 2015). Von den anderen schaffen 1% den Durchbruch zur Serial Entrepreneurship und 10% den Übergang in die hochpreisige Business Class der IT- und Kreativindustrie.

Die Uberisierung betrifft dabei nicht nur die Taxifahrer*innen und Handwerker*innen, die zunehmend auch mit dem Plattform-Business konfrontiert sind, sondern im Grunde Wissensarbeiter*innen aller Art, die mit Dienstleistungen ihren Lebensunterhalt finanzieren.

Die Segmentierung des Wissens führt zudem zur Segmentierung ihrer Arbeit. Ein kurzer Blick auf die Infografik zeigt, dass viele Hoffnungsträger der hiesigen Startups die in den USA erfolgreichen Geschäftsmodelle übernommen haben und damit auch deren Personalpolitik. Das T-Shape wird zum Totem kreativer Wissensarbeiter*innen.

Inwiefern diese T-Shape-Kompetenz jedoch langfristig das Erwerbsleben der Menschen absichern hilft, sei angesichts der aktuellen, gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen dahin gestellt. Zwischenzeitlich hat selbst Richard Florida die dialektisch wirkenden, negativen Konsequenzen der Kreativindustrie für die Stadtentwicklung erkannt und erste Maßnahmen publikumswirksam lanciert (Florida 2017).

Auszug aus unserem sich in der Endredaktion befindenden neuen Buches. Coming soon!

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