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B(u)ildung 4.0: Von der neuen Vergänglichkeit des berufsbildenden Wissens (Kap. 1.3)

Joseph Schumpeter veröffentlichte 1912 mit 28 Jahren erstmals seine Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung als Professor in Graz. Im Gegensatz zum damaligen Mainstream sah er kapitalistische Märkte prinzipiell im Ungleichgewicht. Indem Pionierunternehmen permanent nach neuen Produktkombinationen fahnden, stossen sie immer wieder neue Innovationen als “schöpferische Zerstörung” an. Damit lässt sich die Dynamik der kapitalistischen Entwicklung aus sich selbst heraus erklären. In bestimmten Flaute-Phasen setzen sich schliesslich bestimmte Innovationen durch, was wieder zu einem neuen Aufschwung führt – aber es wird auch wieder entsprechendes Wissen benötigt. Da diese Phasen immer kürzere Wellen schlagen, verkürzt sich nebenbei auch die Haltbarkeitsdauer des berufsbildenden Wissens. Das muss Auswirkungen auf die Ausgestaltung des Bildungssystems haben. Anders lässt es sich nicht meistern.

Früher ...

Ab der zweiten industriellen Revolution, also Mitte des 19. Jahrhunderts, passten sich die Bildungssysteme der Industrienationen schnell den Bedürfnissen der ökonomischen Entwicklung an.

So wollten es die politischen Lenker in Frankreich und Preußen (später dem Deutschen Kaiserreich), die damals Vorreiter des binären Fortschritts von Industrie und Bildung waren und Bildungs-Revolutionen von oben gegen alle Widerstände verordneten.

Für die Fabrikarbeiter der Massenproduktion des 19. und 20. Jahrhunderts reichte die Grundkompetenz in Lesen, Schreiben und Rechnen. Doch wer keine Knochenarbeit mehr machen wollte, musste immer mehr lernen: Am besten theoretisches und technologisches Wissen statt handwerkliche Fertigkeiten. Denn die waren ja schon damals weitestgehend durch Maschinen ersetzbar. Ein weißer Kragen war edler als ein Blaumann und stellte den sozialen Aufstieg dar: „White collar workers, so nannte man sie im englischsprachigen Raum. Dieses Mindset spiegelt sich heute noch in den Nadelstreifen oder medizinischen Klinik-Uniformen als den wenigen äußerlichen Merkmalen einer vertikalen Hierarchie, die sich immer unsichtbarer macht.

Die Bildungssysteme schufen mit der Zeit für die Industrie und die Dienstleistungsgesellschaft Stufen und Standards, genormte Inhalte, Zeiteinheiten, Vorlagen und bei steigender Zahl der Auszubildenden und Stufen immer mehr quantitatives Wissen.

So basierte für den Einzelnen jeder Etappensieg auf individueller Leistung, die aber der einheitlichen Bewertung und der Auslese unterlag. Ob die Inhalte im Verhältnis zu den Kosten, dem Aufwand und der Effizienz standen, war kein Thema, solange die Abschlüsse, sozusagen durch Bildungseinrichtungen emittierte Wertpapiere, einen festen Kurswert auf dem Arbeitsmarkt hatten. Je höher die Sprossen auf der Bildungsleiter, desto wertvoller waren die Titel.

Heute ...


Doch schnelle kaskadierende Zyklen verändern heute das technologisch-ökonomische Umfeld. Sie stellen den Sinn von Investitionen in diese Art von Wertpapieren infrage.

Der funktionale (Gebrauchs-)Wert hat immer weniger Überschneidungen mit dem positionalen (Prestige-)Wert und erst recht mit dem imaginativen (Vorstellungs-)Wert, also dem was “Lernende” sich von solch einer Investition erhoffen.

Es wird gesellschaftlich derzeit immer deutlicher: Die Unternehmen brauchen zunehmend Wissen von morgen, das von den Bildungsträgern heute nicht geliefert werden kann, solange ihre Programme noch voll sind mit dem Wissen von gestern.

  • Weiter Menschen für Berufe auszubilden, die technologisch überholt sind, wird zu einer volkswirtschaftlichen Fehlleistung.
  • Menschen nicht auf Berufe der Zukunft vorzubereiten, ist ein pädagogischer Offenbarungseid. Und ein bildungspolitischer obendrein.

Die Wissensarbeiter*innen im 21. Jahrhundert stehen somit vor einer ähnlichen Situation wie einst angesichts der neuen Maschinen die Millionen Handwerker des verarbeitenden Gewerbes:

Deren Kompetenz und ihr individuelles und kollektives Wissen wurden damals durch die Technologien und Maschinen entwertet.

Die meisten rutschten ins Proletariat ab und nur wenige schafften es, die neuen Technologien intelligent mit den alten Berufen zu verbinden. Daran hat sich auch in Zeiten der unendlichen Reproduzierbarkeit des Wissens wenig geändert.

Heute stehen etwa 600 Millionen Wissensarbeiter*innen weltweit vor ähnlichen Herausforderungen.

Im Wettlauf mit den Maschinen zählt keine der bisherigen Tugenden mehr (Brynjolfsson und McAfee 2012). Nur die ständige Wachsamkeit hilft, um die Veränderungszyklen während sie sich abspielen wahrzunehmen und sich die Auswirkungen auf die eigene Beschäftigungsfähigkeit vorzustellen. Offenheit wird im digitalen Zeitalter zu einer Schlüsselkompetenz, neben Neugierde und Resilienz. Sie entfalten sich jedoch nur auf einem festen Sockel an Grundkompetenz.

Die Schumpeter-Zyklen, diese von wissenschaftlichen und industriellen Revolutionen ausgelösten Veränderungsschübe, werden heute wie damals von Vielen immer noch verdrängt (Kuhn 1996). Lebenslängliches Lernen und Arbeiten muss als modus vivendi noch ausgetestet werden: von den Betroffenen, ihren Arbeitgebern – aber auch und vor allem von den Bildungsträgern.

Ein Kurs allein ist noch keine Weiterbildung.

- (Minor 2016)

Die Vergänglichkeit des berufsbildenden Wissens zwingt letztere, das ganze Bildungskorsett konsequent zu entsorgen und es durch fließende und offene Netzwerke zu ersetzen.

  • Bildung im Flow statt nach Programm.
  • Prototyping statt Prüfungsregeln und ISO-9000.

Das ist B(u)ildung 4.0, immer liquid statt starr (Deutsche Telekom 2015).

  • Sie ist künftig im Angestellten-Modus direkt an Arbeit 4.0 und Industrie 4.0 gekoppelt und entscheidet über die Beschäftigungsfähigkeit der Wissensarbeiter*innen des 21. Jahrhunderts, für die Arbeit nicht eine Verengung, sondern eine Erweiterung des Daseins sein sollte (Arendt 1998).
  • Sie ist zunehmend die Voraussetzung für alle Nicht-Angestellten, mit eigenen Projekten und Ideen zukunftsfähige Alternativen für aktuelle Probleme zu entwickeln und diese mit der kollektiven Intelligenz der vernetzten Crowd zusammen anzugehen.

B(u)ildung 4.0 ist denkbar und machbar, stößt in der Praxis jedoch auf die vertrauten Widerstände in Veränderungsprozessen. Darum vollzieht sich diese Revolution im Hintergrund bis eines Tages die alten Bildungseinrichtungen zu leeren Hallen werden (Frey 2013).

Doch was wird inzwischen aus den “Humanressourcen” mit Bildungsbedarf – oder sollen wir lieber sagen, den aufgeklärten Menschen, die sich aktiv einbringen möchten in die Zukunftgestaltung?

Auszug aus unserem sich in der Endredaktion befindenden neuen Buches. Coming soon!

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