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Doing Capitalism. Praxeologische Perspektiven

Empfehlung
Wichtiger Artikel zum Unterschied von Praxeologie im Gegensatz zu idealistischen Weltdeutungen und zum Verständnis von „Kapitalismus“ und „Gesellschaft“. Groovt euch ein in den Text und gelangt kurz in den Flow – es lohnt sich!

Ich zitiere hier ausführlich, empfehle aber den gesamten wissenschaftlichen Artikel von Sören Brandes & Malte Zierenberg (PDF) im Mittelweg 36. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung 26 (2017), 1.

Pierre Bourdieu, der wichtige Teile seiner Praxistheorie aus Beobachtungen des französischen Bürgertums im 20. Jahrhundert ableitet, gelangt zu einer eher deterministischen Deutung. Für ihn ist die Tatsache, dass die kapitalistische Gesellschaft aus routinisierten (oder ritualisierten) alltäglichen Praktiken besteht, ein Hinweis darauf, wie schwer veränderbar sie ist – dass soziale Ungleichheit nicht nur auf Interessen oder Ideologie, sondern auch auf habitualisierten und sogar in den Körper eingelagerten Handlungsroutinen basiert, erklärt ihre Festigkeit und Beständigkeit.

Judith Butler dagegen gewinnt ihre von der Literatur- und Theaterwissenschaft kommende performative Praxistheorie aus der Beobachtung von Avantgardekulturen (Transgender, Travestie, lesbische butch- und femme-Performanzen), in denen routinisierte Geschlechterpraktiken gezielt transzendiert werden, und landet folglich bei einer Praxeologie, die die Subversion und damit den Wandel betont.

Man kann Praxeologie also sowohl mit Blick auf die Festigkeit und Kontinuität von Praktiken als auch mit Blick auf ihren Wandel betreiben.

(..)

Institutionen und Strukturen sind insofern für die Praxeologin nicht nur oder nicht unbedingt das, was individuelle Menschen in ihren Handlungsmöglichkeiten begrenzt, einschränkt und behindert. Sie sind vielmehr selbst das Produkt von Handlungen, durch die sie geformt, beständig aktualisiert und nicht zuletzt auch wieder abgeschafft werden. Dadurch wird (1.) die Dichotomie von structure vs. agency zugunsten eines interaktionistischen Gesellschaftsverständnisses aufgelöst: Im Sozialen treffen Menschen nicht auf namenlose, abstrakte Strukturen, sondern auf die Handlungen anderer Menschen (und Nichtmenschen), die zwar häufig zu verselbstständlichten (nicht: verselbstständigten) Routinen verfestigt sind, aber dennoch immer ihren Handlungscharakter behalten.

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Etwas offener formuliert bedeutet das, dass empirisch sowohl Situationen und Kulturen beobachtbar werden, in denen Menschen bestimmten Routinen unterworfen werden und sie durch ständige Wiederholung perpetuieren und verfestigen, als auch solche, in denen sie diese Routinen – nicht selten gezielt und bewusst – unterlaufen und überwinden.

Gemeinsam mit der Dichotomie von structure vs. agency wird  auch (2.) diejenige von Individuum und Gesellschaft aufgekündigt und in ein relationales Verhältnis überführt. Die national gedachte „Gesellschaft“, ein zentrales Konzept der makrosoziologischen und sozialhistorischen Strukturanalyse des 20. Jahrhunderts, löst sich in praxeologischer Perspektive in als vielfältig und lokal gedachte Praktiken und Praktikenkomplexe auf, wodurch nicht zuletzt auch Phänomene wie Multikulturalität und Globalität sehr viel besser sicht- und verstehbar werden: Wer sich eine „Gesellschaft“ nicht unwillkürlich als homogenes Ganzes vorstellt, in dem alles miteinander zusammenhängt, den erstaunt es nicht mehr, dass unterschiedliche Praktiken in lokalen und sozialen Räumen koexistieren. Aber das „Individuum“ wird nicht idealistisch als autonomes, intentional handelndes Subjekt verstanden, sondern als in verschiedene Gefüge von Praktiken eingebundenes und durch sie erst subjektiviertes, also in je historisch spezifischer Weise konstruiertes Phänomen.

Indem die Praxeologie mit der idealistischen Tradition bricht, „Handeln“ als notwendig bewusst und intentional zu verstehen, stellt sie zudem (3.) die Dualismen von Natur und Kultur, Geist und Körper, Mensch und Tier, Subjekt und Objekt infrage. Wenn vieles (aber selbstverständlich nicht alles!), was Menschen tun, routinisiert und damit weitgehend unbewusst geschieht, und wenn gerade diese Praktiken die menschliche Gesellschaft maßgeblich mitgestalten, verliert die Unterscheidung zwischen menschlicher – bewusst gestalteter – Kultur und als unveränderlich gedachter Natur an Schärfe und Relevanz. Hinzu kommt, dass an den Praktiken nicht nur der menschliche Körper teilnimmt. Auch „nichtmenschliche Akteure“ im Sinne der Akteur-Netzwerk-Theorie sind an vielen Praktiken maßgeblich beteiligt: Artefakte, das heißt von Menschen geformte Dinge wie der Keil oder der Computer, gestalten das Soziale maßgeblich mit, indem sie einzelne Praktiken oder ganze Praktikenkomplexe verändern oder überhaupt erst ermöglichen. Als nichtmenschliche Akteure treten daneben auch „natürliche“ Entitäten wie Tiere oder Rohstoffe auf, die ebenfalls gleichzeitig sowohl Objekte als auch (Mit-)Gestalter von Praktiken werden.

Auch hier wird deutlich, dass die Praxeologie nicht der Grundprämisse der Intentionalität bedarf, um das Soziale als durch Praktiken konstituiert zu denken. Dingliche „Quasi-Objekte“, wie etwa ein hydraulischer Türschließer, haben zwar keine (eigene) Intentionalität, gestalten die Praktiken, deren Teil sie sind, aber trotzdem maßgeblich mit.

Mit der idealistischen Tradition gibt es aber aus praxeologischer Perspektive neben dem fragwürdigen Postulat eines seiner Handlungen und Beweggründe stets bewussten Subjekts und des entsprechend engen Akteursbegriffs noch ein weiteres, damit zusammenhängendes Problem: ihre Geist- und damit häufig auch Sprach- und Textfixiertheit, ihr „Mentalismus“ und „Textualismus“, die bis zu neueren, im Rahmen des linguistic turn formulierten Kulturtheorien fortgepflanzt haben. Wer das Soziale zuallererst in Ideen und Weltbildern oder in Diskursen, Zeichen und Texten sucht, läuft Gefahr, seine eminente Körperlichkeit zu übersehen. Leib- und Körperlichkeit aber sind für die Praxeologen zentral: Praktiken sind vor allem auch Bewegungen des Körpers und damit fundamental in die Materialität der Welt eingebettet. Das gilt, wenn auch eingeschränkt, selbst noch für das Denken, das sich mit und im Körper und in Bezug auf eine materiale Umwelt abspielt.

Eine letzte Dichotomie, die durch die Praxeologie infrage gestellt wird, ist daher (4.) die zwischen Praktiken und Repräsentationen oder „Diskursen“. Aus praxeologischer Sicht sind Repräsentationen Praktiken in dem Sinne, dass jede Gruppe von Repräsentationen von einer Serie von Praktiken abhängt beziehungsweise auf ihnen beruht: Praktiken des Wahrnehmens, Denkens, Aufzeichnens, Speicherns, Verbreitens und Aufnehmens. Hierbei spielt die Materialität des Körpers eine ebenso wichtige Rolle wie die der jeweils verwendeten Speicher- und Verbreitungsmedien, die die Repräsentationen maßgeblich mitbestimmen.

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Das Nachdenken über den Kapitalismus und der Begriff der Gesellschaft, der dieses Denken anleitete, kamen gewissermaßen als Zwillinge zur Welt. Was die beiden Begriffe so ähnlich machte, war das mit ihnen verbundene Denken in Totalitäten, in großen, allumfassenden Einheiten: die Gesellschaft als Summe und Gebilde aller (nationalen oder globalen) Beziehungen von Menschen untereinander; der Kapitalismus als ökonomischer Großprozess und Zusammenhang, der unterschiedliche Gruppen in (antagonistische) Beziehungen zueinander setzte. Um das menschliche Leben als Sozialgebilde untersuchen zu können, mussten politische Ökonomie und Soziologie ihre Untersuchungseinheiten definieren, mussten sie ihren Gegenstand isolieren, um ihn überhaupt erst beschreibbar zu machen.

Das Ergebnis waren neue Begriffe, die unterschiedliche soziale und ökonomische Phänomene zueinander in Beziehung setzen konnten, selbst aber idealtypische Fiktionen blieben. Denn die Gesellschaft oder der Kapitalismus haben als Ganzes (außerhalb dieses und aller anderer Texte) das draußen in der Welt kein auffindbares empirisches Pendant.

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Auch moderne kapitalistische Ökonomien, so kann die Wirtschaftssoziologie zeigen, gleichen kaum dem neoklassischen (und neoliberalen) abstrakten Ideal des kompetitiven, um ein fiktives Gleichgewicht oszillierenden Marktes, sondern beruhen konstitutiv auf personalen sozialen Netzwerken. Damit bietet die Metapher der Einbettung in mancher Hinsicht einen Ansatzpunkt gegen die Gefahr, den Kapitalismus als übermächtige, abstrakte Kraft zu zeichnen, die das Soziale niederwalzt – denn aus wirtschaftssoziologischer Sicht ist auch der Kapitalismus eine soziale Struktur.

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Die Modelle etwa der Finanzwissenschaften fungieren demnach weniger als eine Kamera, als ein unbeteiligtes Instrument, mit dessen Hilfe sich Finanzmärkte abbilden und besser verstehen lassen. Sie sind vielmehr eine Triebkraft, die Finanzmärkte mit entstehen lässt und den auf ihnen agierenden Akteurinnen Handlungsmuster, Techniken und Informationen bereitstellt, mit deren Hilfe sie am Ende homines oeconomici überraschend ähnlich werden können. 

- Sören Brandes /Malte Zierenberg, Mittelweg 1/2017 (PDF)

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