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Kap. 2 Bildungs-Business. Paradigmenwechsel (Kap. 2.1)

WISSEN MIT BEGRENZTER HALTBARKEIT

Die Analphabeten des 21. Jahrhunderts sind nicht mehr jene, die weder lesen noch schreiben können, sondern Menschen, die unfähig sind, ständig zu lernen, zu verlernen und stets weiterzulernen.

- Alvin Toffler

99% von dem Stoff, den wir für unsere Jobs heute wissen müssen, ist morgen bereits überholt. Daraus entsteht ein ganz anderer Bildungsanspruch und ein neuer Ansatz im formellen und informellen Lehren und Lernen.

Paradigmenwechsel

Die technologische Reproduzierbarkeit des Wissens ist die Verdinglichung einer Welt, die sich nur noch durch ein ständiges Mashup regeneriert.

Flexibel lernen, agil umlernen und vernetzt weiterlernen zu können entscheiden über die Qualität des Lernumfelds im 21. Jahrhundert und über die Qualität der Arbeit und des kreativen Gemeinwohls. Die technologische Reproduzierbarkeit des Wissens erfordert Strukturen, die sich nicht mehr an der Kompetenz von gestern ausrichten, sondern das Wissen von morgen mit formatieren.

  • Lernumgebungen, die dezentral und vielgestaltig von diversen Nutzergruppen kreativ besucht werden können;
  • Lernmodule, die weder an Präsenzzwang noch an zeitliche Auflagen gebunden sind;
  • Inhalte, die von den Lernenden erweitert und vernetzt werden können;
  • Mitmenschen, die sich selbst als ständig Weiter-Lernende begreifen.

Das ist das Basis-Rezept einer zukunftsorientierten Bildung, die es in Ansätzen bereits gibt.

Die vernetzte Wissensgesellschaft, die sich parallel zum bestehenden System seit Jahren entwickelt hat, ist ein virtueller Planet mit unbegrenzten Möglichkeiten, der sich immer stärker mit der physischen Welt verbindet, dabei aber mittelfristig nur von smarten Nutzer*innen profitiert.

Smart enthält neben den fünf positiven Attributen Soft Power (weiche Macht), Mashup (Re-Kombination) , Adaptive (anpassungsfähig), Responsive (anpassbar), Transient (vorübergehend) auch die Regeln und Wertvorstellungen des American Way of Life.

Der “Struggle for Live” wird zum Struggle for Learning the right stuff. Zumindest in der Übergangsphase, bis das Normalarbeitsverhältnis als solches kollabiert ist.

Wie sehr der kulturelle Kontext der digitalen Revolution auch die globale, vernetzte Wissensgesellschaft im 21. Jahrhundert und ihre Ideologie prägen, ist ein anderes Thema. Wir konzentrieren uns hier jetzt auf den Stand der Dinge „in der Bildung“.

“Du kannst heute alles lernen, was du zum Überleben brauchst,“ so Joe Schuman, bis 2008 Facharbeiter bei General Motors (GM) in Detroit, heute Urban Farmer in einem Vorort mit 8 Mitarbeiter*innen, die sich alle die nötigen Informationen und das Wissen für ihre neuen Aufgaben im Netz und im vernetzten Austausch zusammengestellt haben (Urban-Gardening Berlin 2015).

Auch für die arbeitslosen Facharbeiter und Akademiker in Italien ist die vernetzte Wissensgesellschaft ein Planet mit unbegrenzten Möglichkeiten, mit deren Hilfe sie die Sharing Economy weiter treiben und diese in den physischen Ort ihres Open Makers Italy übertragen können (Associazione Open Makers Italy 2017).

Wie ihnen geht es vielen. Sie schaffen oder suchen sich gemeinsame Räume, statten sie mit geeigneten Maschinen aus und legen los. Von diesen Räumen gibt es zwischenzeitlich viele, sehr viele.

TechShop, eine Makerspace-Kette in den USA, bietet 7.000 Menschen gut ausgestattete Maschinen-Parks in verschiedenen Städten an, in denen sie gegen eine monatliche Gebühr ihren kreativen Träumen nachgehen und eigene Unternehmen rund um ihre Maker-Produkte aufbauen können. In Paris gibt es jetzt die erste europäische Dependance. Weitere sollen folgen – wir berichteten in unserem Leuchtfeuer 4.0 MOOC (Wagner, Sucker, und Oberländer 2017).

Die technologische Reproduzierbarkeit des Wissens beschleunigt so die Verdinglichung einer Welt, die sich nur noch durch ein ständiges Mashup (Re-Kombination) regenerieren kann. Da die bisherigen institutionellen Bildungsträger dazu technologisch und strukturell nicht großflächig in der Lage sind, wird das Bildungs-Business zum nächsten großen Ding (Symonds 2014).

Das Bildung-Business ist die Organisation der Weiterbildung nach den (neoliberalen) Marktgesetzen. Es profitiert dabei von den gleichen Wettbewerbsvorteilen wie einst die Kreativökonomie zu Beginn der digitalen Revolution vor etwa vier Jahrzehnten: Ein offenes und weites Feld ohne Hindernisse und Widersacher. Weil die einen noch schlafen und die anderen lieber erst abwarten, können sie inzwischen ihre Claims abstecken. Die einzigen, die innovative Alternativen aufbauen, sind zivilgesellschaftliche Akteure mit dem Ziel einer nachhaltigen Ökonomie.

Wie konnte es soweit kommen?

Der Staat gab immer weniger für Weiterbildung aus (Käpplinger 2017). Seine etablierten Vertreter/innen beteuerten zwar fortwährend ihr Engagement und die gesellschaftliche Verantwortung, doch überließen sie lange Zeit das Feld der freien Marktwirtschaft und ihren Anbietern. Das etablierte Bildungssystem ist zu verschachtelt, verkrustet, hat viele Ebenen und Hinterzimmer. Und viele Stakeholder, die mehr oder weniger gut davon leben. Und sich nicht zeitgemäß selbst weiterbilden. Sie haben den Wandel schlichtweg verschlafen. Verstehen ihn leider bis heute zumeist nicht.

Außerdem fiel Weiterbildung lange Zeit nicht in die gesellschaftlichen Aufgaben des Staates. Darum finanzierte er lieber externe Dienstleister, anstatt den Umbruch proaktiv zu begleiten und zu unterstützen. Doch mit dem Weißbuch zum Arbeiten 4.0 scheint sich eine Wende anzudeuten. Es ist politisch erkannt worden, dass das Bildungssystem als solches komplett auf den Prüfstand muss. Und entsprechend viel Geld in die Hand genommen werden muss.

Die kürzeren Anlauf- sowie Haltbarkeitszeiten des kreativ und innovativ verwertbaren Wissens, die steigende Nachfrage der KMU und der Erwerbstätigen am permanenten Weiterbildungs-Tropf ist eine Herausforderung für alle Bildungsanbieter. Einen Wettbewerbsvorteil verschafft es nur denen, die die digitalen Technologien und sozialen Eigendynamiken verstehen, sie selbst kunstvoll vorantreiben und dem hybriden, wachsenden Wissensbedarf anpassen können, weil sie auch schon den Big Data- und KI-Anschluss haben.

Ein Beispiel dafür ist LinkedIn, das soziale Netzwerk für die Businesswelt. Dank seiner 467 Millionen Mitglieder weltweit (2016) und seiner langjährigen Erfahrung hat es nicht nur direkten Zugang zu den sozialen Daten der Erwerbstätigen in allen Bereichen, sondern über Slideshare auch einen Zugang zur Identifikation aktiver Wissensträger/innen und über den MOOC-Anbieter Coursera und die Video-Lernplattform Lynda.com Zugriff auf die hidden talents jenseits der traditionellen Bildungsfabriken. Mit dem Aufkauf durch Microsoft besteht jetzt auch noch die Vernetzung mit Millionen Business-Partnern – und damit ist eine umfassende Grundlage für richtiges Big Data mit künstlicher Intelligenz dahinter gelegt.

Überall, wo mit Weiterbildung Geld zu verdienen ist, sind die Seilschaften und Netzwerke schon einsatzbereit. Und das bedeutet in der globalen Netzwerkgesellschaft, die unternehmerischen Kooperationen sind gleichermaßen international. Ob sie auch langfristig innovative Lösungen bedarfsgerecht und maßgeschneidert mit einem klaren return on effort (ROE) für die Lernenden in ihrem Arbeitsumfeld bereitstellen können, ist offen. Das Feld ist bestellt, die Begehrlichkeiten ambitioniert und die Konkurrenz hart. Genügend Wagniskapital wartet auf seinen Einsatz. Das Bildungsbusiness ist ein richtig großes Geschäft. Und die öffentlichen Institutionen schauen verschreckt zu.

return on effort
= Rendite für die Anstrengungen

Gerade deshalb sind neue Bewertungskriterien mit einer klaren Kosten-Nutzen-Analyse wichtig. Bislang brauchte es noch keine effektiven und effizienten Kosten-Nutzen-Analysen von Bildungsangeboten. Es gab ja nur wachsweiche pädagogische Methoden und Multiple-Choice-Tests. Heute muss sich jede/r selbst seine Bewertungsraster erstellen:

Wie man sich selbst am besten und schnellsten auf den aktuellen Marktbedarf einstellt?! Keine/r weiß es – man hat es schlichtweg nie gelernt.

Die kommenden technologischen und ökonomischen Veränderungsschübe machen somit aus der einstigen Randerscheinung Weiterbildung und Umschulung (10%) ein zentrales gesellschaftliches und ökonomisches Problem (50%) mit hohem Einsatz.

Die Zukunft der Arbeit wird derzeit von einem Wissen ohne Zukunft dominiert und zwingt somit alle Bildungswerte neu zu definieren – wenn man es ernst meint mit der Zukunft.

Auszug aus unserem sich in der Endredaktion befindenden neuen Buches. Coming soon!

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