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Vorwort zu B(u)ildung 4.0

geschrieben von Dr. Antje Draheim

Du öffnest ein Buch, das Buch öffnet dich.

- , mal als chinesisches Sprichwort betitelt, mal dem kirgisischen Schriftsteller Tschingis Aitmatow zugeschrieben

Noch ein Buch zu „B(u)ildung 4.0“? Endlich eines!

Das oben zitierte Sprichwort trifft es ganz gut. Die Autorinnen des vorliegenden Buches, Dr. Angelica Laurençon und Dr. Anja C. Wagner, beide jahrelang erfahren in Bildung, Wissenstransfer und Weiterbildung, spannen einen Bogen von der ersten industriellen Revolution bis heute, um Rahmen, Inhalte und Herausforderungen von „B(u)ildung 4.0“ zu beschreiben.

Ja, es gibt bereits einige (wenige deutschsprachige) Bücher, die sich mit verschiedenen Facetten von „Arbeit 4.0“ auseinandersetzen: Da geht es um Formen künftiger Arbeit, Technologie- und Automatisierungsprozesse, HR-Strategien. Es gibt auch das eine oder andere Buch zu „Bildung 4.0“. Daneben gibt es verschiedene Aufsätze, Essays, Keynotes oder sonstige Formate, meist online.

Dieses Buch verbindet jedoch „Arbeit 4.0“ und „Bildung 4.0“, stellt dabei die Erwerbstätigen und Auszubildenden in den Mittelpunkt, versucht sich an praxiserprobten und -tauglichen Lösungsvorschlägen, wie der Übergang in die 4.0-Welt gelingen kann.

Es scheint unstrittig zu sein, dass die „Arbeit 4.0“ kommt, bereits unterwegs ist und unsere Arbeitswelt verändern wird. Strittig ist, in welchem quantitativen Maß „Arbeit 4.0“ Veränderungen verursacht, herausfordert und/oder anstößt. Die einen sprechen von lediglich evolutionären, die anderen von revolutionären Veränderungen.

Es wird allgemein auch davon ausgegangen, dass „Arbeit 4.0“ eine große qualitative Spreizung von Kompetenzprofilen mit sich bringen wird: Einerseits monotone, routinierte Arbeiten, also niedrige bis mittlere Qualifikationen verlangende Tätigkeiten – die sukzessive durch Automatisierung/ Robotisierung ersetzt werden (können) – , andererseits hoch kreative, innovative Jobs, die zugleich technisches Verständnis und Know-how unbedingt voraussetzen.

Das derzeitige gesellschaftliche Verständnis von Arbeit als lebensdominierendem Faktor wird sich daher wandeln: Bildung wird zur zentralen Ressource 4.0 – und zwar nicht in Form von formalem, in linearen Bildungsketten erworbenem Wissen, das gespeichert wird und dessen Abrufbarkeit als Kernkompetenz den Arbeitsalltag bestimmt, sondern Bildung ist, so die zentrale These der Autorinnen, ein wirklich lebenslanger Prozess in Verantwortung der Individuen, dessen stetes Ergebnis eine Wertschöpfung sein sollte, die über reproduzierbaren Wissensabruf hinausgeht.

Für die Autorinnen steht (gut begründet) fest: Hinter dem Wandel zu „Arbeit 4.0“ steht eine disruptive Gewalt, die schöpferisch 1.0, 2.0 und 3.0 zerstört. Was daraus entstehen kann, ist gestaltbar. Aber man muss es eben tun. Learning by doing (statt Vorratsspeicherung von Wissen) ist wieder eine akzeptable und zugleich ökonomisch sinnvolle Art von Bildung.

Wissen ist heute nicht nur ständig reproduzierbar, sondern immer häufiger auch allgemein teilbar – und damit open resource und möglicher Auslöser neuer Verteilungsoptionen und Chancen im Wettbewerb um „Arbeit 4.0“. Soweit die gute Nachricht.

Voraussetzung dafür – und das vorliegende Buch enthält gute Beispiele – ist das Erlernen einer neuen Kulturtechnik des Verstehen-Wollens und des Vernetzten-Denken-Könnens.

Der strukturelle Umbau des Wissenserwerbs vollzieht sich entlang der gesamten bisherigen Bildungslandschaft.

Formalqualifikationen entwerten sich daher selbst und eine Antwort darauf ist bisher nicht glaubhaft gefunden. Wissen ist nicht mehr personenzentriert: weder auf der Seite der Lehrenden, noch auf Seiten der Lernenden. Bildung heißt dann: Wie lernt man all das verfügbare Wissen so zu systematisieren, zu nutzen, dass neue Dinge entstehen und am Ende ein Mehrwert, eine marktgängige Wertschöpfung entsteht?

Die Autorinnen weisen auf bereits vorhandene (und durchaus ausbaufähige) Ansätze hin und stellen Kollaboration und Innovation in den Mittelpunkt. Sie beschreiben notwendige Rahmen – soweit sie sich beschreiben lassen – in liquiden, offenen Strukturen.

Dieses Buch zeigt auf, was in der „Parallelgesellschaft 4.0“ längst schon passiert, z.B. in lokalen, vernetzten (teilweise Graswurzel-)Strukturen, die jedoch staatlicher Unterstützung bedürfen, um wirkmächtig zu sein. Doch es passiert eben nicht nur im Kleinen, die Autorinnen nennen es dann glokal: auch Google, Amazon und Apple & Co sind längst unterwegs.

Am Anfang steht jedoch hier auch die Erkenntnis, dass der Wandel zu “Arbeit 4.0“ nichts ist, was man getrost ignorieren kann. Auch einfach Vorhandenes „zusammen zu würfeln“ (wie manche Consultingfirmen, die in großen Datenbanken ihre Projektergebnisse sammeln und dann einfach per Suchfunktion ähnliche frühere Projekte als Blaupause für kommende Projekte nehmen), wird nicht helfen: Über kurz oder lang braucht sich Erfahrung hier selbst auf, denn auswerten und selbst „trial-and-error-Methoden“ können technische Algorithmen schneller und besser.

Getrieben von Überforderung und Angst vor dem, was da kommen wird, duckt sich nicht nur der heutige Bildungsbürger weg in die „alte Welt“: Es reicht, zu wissen, wie man die neue Technik bedient – man muss doch nicht wissen, warum und wie …

Doch! Schon jetzt wird sichtbar, dass die Kluft zwischen Insidern und Outsidern immens ist. Unser derzeitiges starres, auf formale Qualifikationen ausgerichtetes Bildungssystem befördert dies noch. Lehrpersonal, das vielleicht mit Textverarbeitungsprogrammen umgehen kann, aber schon bei der Einrichtung von Datenbanken scheitert und von Instagram nur weiß, dass die Tochter es nutzt. Erwachsene, die den Mehrwert sozialer Medien überwiegend im Kontakthalten zu Anverwandten sehen. Jugendliche, die glauben, YouTube sei lediglich ein Medium zur Selbstdarstellung. Beschäftigte aller Ebenen, die Weiterbildung immer noch als einen vom Arbeitgeber zu definierenden Bedarf ansehen, der dann gruppenweise von Bildungsträgern im Frontalunterricht gedeckt wird.

Diese Outsider haben wenig Zukunft.

Genau darauf zielt eine weitere zentrale These: Selbstverantwortung, Forschergeist und Entdeckerlust im besten MINT-Sinne sind wieder in den Mittelpunkt des Denkens zu stellen und nötig ist die Fähigkeit und das Wollen, aus sich selbst heraus getrieben innovativ sein zu wollen.

Die Autorinnen liefern Denkanstöße, die weit über den engen Begriff von „Arbeit 4.0” und „Bildung 4.0“ hinausgehen. Sie fordern BELGUT, das bedingungslose Lernguthaben und staatliche Infrastruktur, die Veränderung ermöglicht. Die Rolle von Sozialpartnern wird hinterfragt und zugleich eingefordert.

Als „Bonus“ gibt es wertvolle Hinweise zu vertiefenden, erläuternden Aufsätzen, Links und diy-Empfehlungen. Und ein herrliches Begriffsglossar, das als kleines Kompendium zu „B(u)ildung 4.0“ den immer noch vorherrschenden Wissensdrang befriedigt und zugleich Lust auf Weiterbildung macht!

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