Input

Über den Forschungsgipfel beim Stifterverband

10 Tage Input im April 2016 (1/3)

Teil 1: Der Forschungsgipfel

Mein Input-Marathon begann mit dem Besuch des Forschungsgipfels am 12. April 2016. Organisiert vom Stifterverband traf sich dort eine „Forschungselite“, die sich primär aus den alten, etablierten Kreisen rekrutierte und nur wenig Citizen Science vorsah.

Das Pinguin-Schwarz beherrscht seit jeher deutsche Konferenzen – so auch hier: Anzug an Anzug reihte sich bei der sehr gut organisierten Veranstaltung in den Stuhlreihen.

Gleichwohl hatte man sich für die Sitzordnung einige Gedanken gemacht, wie hier weniger Frontalbeschallung hergestellt werden könnte: Es gab einen inneren Circle für das Podium in der Mitte und einen äusseren Circle für die Zuhörer/innen drum herum. Semi-optimal, würde ich sagen. Ein richtiger Dialog konnte auch so leider nicht entstehen.

Zwar konnte sich der äussere Zirkel mittels Zettel-Twitter einbringen, diese Zettel wurden regelmässig an den Gangenden eingesammelt und zum inneren Circle getragen. Wo sie dann leider in der Sackgasse mündeten, da mehr als vorlesen wohl den Rahmen gesprengt hätte.

Disclaimer: Ich konnte nur bis zum Mittagessen bleiben, da noch das letzte Feintuning am #A40MOOC anstand. Von daher mag sich das am Nachmittag eventuell anders dargestellt haben.

Parallel zu diesem Setting fand sich im dunklen Internet, auf Twitter unter #FoGip16, eine lustige Runde zusammen, die dieses formale Ambiente crowdbasiert kommentierte und somit informell ergänzte. Soweit ich hörte, wurde dieser Twitterchannel auch neben dem Live-Streaming im Netz angezeigt, so dass man eigentlich, wie so oft, im Netz das komplettere Programm geboten bekam, denn hier vor Ort.

Aber kommen wir zu den Inhalten.

Wenn noch jemand behaupten will, die „Eliten“ unserer Zeit hätten den Weckruf nicht gehört und würden die Digitalisierung in ihrer Durchschlagkraft unterschätzen – diesen Eindruck habe ich seit dem Forschungsgipfel nicht mehr. Zumindest dass sie „bald“ da sei, mindestens dies ist ALLEN klar.

DASS sich derzeit radikal etwas verändert, diese Erkenntnis hat sich durchgesetzt. Und DASS man etwas verändern müsse, ist auch klar. Nur wie, da herrscht viel Sprachlosigkeit oder viel Redseligkeit, je nachdem, wie man es sehen will.

Ich muss sagen, insgesamt empfand ich es als dramatisch, zu sehen, wie irritiert und gleichsam handlungsarm es hier vonstatten ging angesichts der aktuellen Entwicklungen und sich abzeichnenden Verwerfungen.

  • Visionen? Hat hier niemand.
  • Gesellschaftliche Zielvorstellungen, wo es transformativ hingehen könnte? Nix davon.
  • Mehr Gelder für die Forschung? Unbedingt, fordern die Forscher. Aber reicht das gegen die ambitionierte Kultur und das Venture Kapital in anderen Ländern? Wohl kaum.

Es ist wirklich erschreckend, angesichts dieser Ohnmacht zuzuschauen, wie hilflos diese zumeist alten, stolzen Eliten sich winden. Der einzig wirklich innovative Kopf in der Runde, Dirk Ahlborn von Hyperloop Transportations, den befragte man kein einziges Mal nach seinen Erfahrungen und wie man wirklich transformativ nach vorne denkt.

Also, was nehme ich ansonsten inhaltlich mit?

Sehr reflektierte, weil selbstkritische Beiträge von … der Bundeskanzlerin. Ich gehöre nun wahrlich nicht zu ihren Wählerinnen, aber Respekt, wie sie mit dem Thema umgeht.

  • Sie sieht mit offenen Augen, welche disruptiven Prozesse sich gerade vollziehen und dass dies noch nicht alle Entscheider/innen in der Politik wie in den Kommunen realisiert hätten. Auch dort sei „Lernarbeit“ notwendig. Seht hier den 1-minütigen Auszug:
  • Sie weiss angesichts des Rauschens nicht einzuschätzen, welche Schwerpunkte es jetzt zu setzen gelte, um sich nicht allzusehr von anderen abhängig zu machen. (Ich ahne, welche Lobbytätigkeiten dort im Bundestag gerade einlaufen.)
  • Sie versucht ernsthaft die Komplexität der Veränderungen zu verstehen und als Physikerin und langjährige Weltpolitikerin traue ich ihr durchaus zu, hier eine adäquate Meinung sich bilden zu können.
  • Sie versucht durchaus, neue Ideen und Startups zu fördern, indem die Rahmenbedingungen optimiert werden. (Gleichwohl muss man sagen, dass es in der deutschen Förderkultur ausschliesslich darum geht, Technologie-Entwicklungen zu fördern, weil man hier so technologie-fixiert ist. Für alle anderen sozialen Innovationen ist es ausgesprochen schwierig, da wir hier so mainstream-orientiert sind.)
  • Sie sieht die breite Bedeutung von Bildung und dass man hier auch neue methodische Wege gehen müsse, auch wenn Bildung letztlich Ländersache sei.

Dies nur als ein Auszug ihrer Rede, man kann sich das komplette Video selbst anschauen. Die ganze Wachstumsrhetorik habe ich aussen vor gelassen, weil ich hier ein anderes Weltbild habe und gerne sähe, wenn die Chancen der Digitalisierung in Richtung einer nachhaltigeren Welt gingen.

Was gab’s noch?

Der Rest im Inner Circle wie gewohnt alles nur Männer, ausser einer Gewerkschaftsvertreterin. Aber auch hier gab es 2 mir bemerkenswert erscheinende Einwürfe.

Zum einen der Bericht von Dieter Zetsche, CEO von Daimler, der von einem Prozess berichtete, den sie vor einiger Zeit angestossen hätten, um „Leadership 2020“ neu zu definieren. Dazu haben sie 8 Arbeitsgruppen mit je 16 Personen maximal divers zusammen gesetzt (was Nationalität, Alter, Geschlecht und Disziplin anbelangt). Und sie haben weitreichende Befugnisse – gelebte kollektive Intelligenz sozusagen. Aber seht selbst in diesem Auszug:

Wow, möchte man sagen. Das ist nun mal wirklich mutig und zeigt aber auch auf, in welchen dramatischen Zeiten wir leben.

Zum anderen Timotheus Höttges, CEO der Deutschen Telekom, der tatsächlich das Grundproblem unserer Gesellschaft aufzeigte: Wir reden gerne, handeln aber nicht – oder wenn, dann schlecht. Schaut selbst!

Kleines Zwischenfazit

Radikale Innovationen, soviel scheint den grossen Konzernen klar zu sein, entstehen nicht durch kleinschrittige, digitale Transformationen aus dem Inneren heraus, sondern nur durch externe Einflüsse und Entwicklungen am Konzernrande, die möglichst wenig mit dem Kerngeschäft zu tun haben.

Ähnlich beschrieb es auch Martin Hofmann, CIO von Volkswagen, auf dem SingularityU Germany Summit, von dem ich im 3. Teil ausführlicher berichten werde.

Sichtlich unangenehm berührt von der Worst Case-Abgas-Rückhol-Aktion berichtete er sehr kleinmütig, wie sie mit kleinen Teams in Berlin und München ohne grosse Anbindung an das Mutterhaus, versuchen würden, neue Entwicklungen anzudenken, die sie als Marke ausbauen könnten. Der Druck der Digitalisierung und das Ende des Autokaufs in Sicht, lässt die Herren ganz schön schwitzen.

Einfach umzusteuern, scheint sehr schwierig zu sein. Diese Tanker lassen sich einfach nicht mehr auf Sicht in die Zukunft steuern. Der Change, der heute erforderlich wäre, das scheint mir einhellige Meinung zu sein in diesen Kreisen, kommt nicht generisch aus dem Inneren heraus. Und dies ist wohl auch das Schicksal der ganzen grossen Institutionen, einschließlich der Bildung. Aber dazu später mehr.

Abschliessen möchte ich diesen Teilbericht mit einem Satz auch wieder von Timotheus Höttges, dem ich zustimme:

Vielen Dank an den Stifterverband – auch für die sehr gute multimediale Begleitung.  Man kann sich bei Interesse die ganzen Videos online anschauen.

Das war’s bis hierher. In Teil 2 berichten wir dann von unserem #A40MOOC.

Stay tuned! Alles andere ist nur Bildung.

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2 Comments

  1. […] April 2016: Forschungsgipfel beim Stifterverband in […]

  2. […] April 2016: Forschungsgipfel beim Stifterverband in Berlin (hier […]

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