Input

Arbeit 4.0 bedeutet Plattform-Kapitalismus – aber ist das wirklich ein Problem?

Immer wieder kommt die Frage auf, was das denn sei mit dem „ARBEITEN 4.0“. Warum 4.0 – und wenn 4.0: was waren dann 1.0 bis 3.0?

Deshalb heute die Erklärung, was wir unter Arbeiten 4.0 verstehen. Vorab möchte ich aber die Sichtweise des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) hier anführen. Immerhin hatten sie den Begriff im Frühjahr 2015 in den offiziellen Ring geworfen.

Historische Phasen der Arbeit laut BMAS

  • Arbeiten 1.0 meint die beginnende Industriegesellschaft und die ersten Organisationen von Arbeitern. Mit der Einführung der Dampfmaschine und mechanischer Produktionsanlagen veränderten sich Ende des 18. Jahrhunderts nicht nur die Produktionsweise, sondern auch die Gesellschaftsstrukturen und das Selbstverständnis der sich herausbildenden Klassen.
  • Arbeiten 2.0 meint die beginnende Massenproduktion und die Anfänge des Wohlfahrtsstaates am Ende des 19. Jahrhunderts. Die Industrialisierung bringt neue soziale Probleme mit sich und wirft grundlegende soziale Fragen auf. Die Verschärfung der sozialen Probleme und der zunehmende Druck der organisierten Arbeiterschaft bilden eine wichtige Grundlage für die Einführung der ersten Sozialversicherungen im Deutschen Reich.
  • Arbeiten 3.0 meint die Zeit der Konsolidierung des Sozialstaats und der Arbeitnehmerrechte auf Grundlage der Sozialen Marktwirtschaft. Arbeitgeber und Arbeitnehmer verhandeln sozialpartnerschaftlich auf Augenhöhe miteinander. Die Wahrnehmung gemeinsamer Interessen steht im Betrieb wie auch unter den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern insgesamt außer Frage. Später folgte die Infragestellung sozialer Rechte durch zunehmenden Wettbewerbsdruck und Deregulierung. Seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts wird die Produktion durch den Einsatz von Informationstechnologie und Elektronik weiter automatisiert, der Anteil von Dienstleistungen nimmt stark zu und nationale Märkte öffnen sich infolge von Europäisierung und Globalisierung.

Zukunft

Arbeiten 4.0 wird vernetzter, digitaler, flexibler sein. Wie genau die zukünftige Arbeitswelt aussehen wird, ist offen. Seit Beginn des 21. Jahrhundert stehen wir vor einem erneuten grundlegenden Wandel der Produktionsweise. Die wachsende Vernetzung und zunehmende Kooperation von Mensch und Maschine ändert nicht nur die Art, wie wir produzieren, sondern schafft auch ganz neue Produkte und Dienstleistungen. Durch den kulturellen und gesellschaftlichen Wandel entstehen neue Ansprüche an Arbeit, auch die Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen verändert sich. Welche Auswirkungen diese Entwicklungen auf die Organisation von Arbeit und sozialer Sicherung haben, ist offen. Wir stehen am Beginn neuer Aushandlungsprozesse zwischen Individuen, Sozialpartnern und dem Staat.


Unsere Assoziationen zu Arbeit 4.0

Über die historischen Phasen hinaus, die das BMAS anführt, ist unsere Sicht auf ARBEIT 4.0 durch die tatsächlichen, konkreten Arbeitsweisen geprägt, die sich über die letzten Jahre verändert haben.

Beginnend mit Stufe 3 der historischen Perspektive des BMAS, der sozialen Marktwirtschaft, und zunehmend beschleunigt durch den Start von Phase 4, eben der globalen Vernetzung, vollzieht sich ein struktureller wie kultureller Wandel der Arbeitswelt, den man sich differenzierter vor Augen führen sollte. Nur dann lassen sich nämlich bestimmte Entwicklungslinien erkennen und Verhaltensmuster hinterfragen.

Die Organisation von Arbeit war in der gesamten, vergangenen Industriegesellschaft vor allem geprägt von den folgenden Indikatoren, die wir als 1.0 bezeichnen. Viele Menschen, vielleicht die meisten, arbeiten immer noch in dieser Art und Weise. Sie kennen es gar nicht anders.

Indikatoren für Arbeit 1.0

  • Industriearbeit
  • Schreibmaschine
  • Hierarchien
  • Linienstab
  • Command & control
  • Zeitarbeit

Diese erste grobe Liste kennzeichnet für uns die Arbeit 1.0. Kommt euch bekannt vor?! Kein Wunder. Aus dieser Welt quälen wir uns gerade heraus.

In Phase 3 der BMAS-Historie kommt nämlich ein gravierender Einflussfaktor zur Geltung: Die Informationstechnologie und die Automatisierung in einer zunehmend globalen Welt wurden eingeführt und entfalteten ab den 1970er Jahren ihre Kraft.

Interessanterweise, und das ist wirklich interessant und bezeichnend zugleich, lässt man beim BMAS das „K“ der „IKT“ einfach unter den Tisch fallen. Dabei sind die neuen Kommunikationstechnologien ein entscheidender Wendepunkt in der sozialen Geschichte:

Auf einmal dreht sich die Gesellschaft von einer elitären Top-Down-Perspektive in eine (theoretisch) egalitäre Bottom-up-Welt. Jede/r kann sich auf einmal selbst aktiv einbringen, sowohl medial wie unternehmerisch. Wir stoßen vor in das Zeitalter 2.0.

Indikatoren für Arbeit 2.0

  • Computerisierung
  • Neo-Liberalisierung
  • Globalisierung
  • Freelancer-Boom
  • Prekarisierung (mehr Zeitarbeit, mehr befristete Stellen etc.)
  • erste Communities of practice entstehen
  • das Social Web entsteht
  • erste kollaborative Ansätze
  • Startup-Kultur

In diesem Umfeld entsteht das berühmte Web 2.0 – es wächst ein Ökosystem an sozialen Praktiken und kollektiver Intelligenz, das sich immer weiter neu erfindet.

Erste Disruptionen zeichnen sich ab, ganze Branchen transformieren sich innerhalb weniger Jahre: Medien, Finanzen, Autos, Bildung und so fort. Das Zeitalter des Arbeitens 1.0 nähert sich dem Ende. Das Leben prekarisiert sich, auch weil viele Verantwortliche den Transformationsprozess lange verschlafen, vielfach ihn auch ignorieren und oftmals jedwede Kurskorrektur blockieren.

Auf der anderen Seite zeigen die sozialen Handlungspraktiken im Netz das Potenzial dessen auf, was entstehen kann, wenn sich Menschen vernetzen und ein gemeinsames Ziel anstreben. Auf einmal scheint es gar nicht mehr kitschig zu sein, zu glauben, dass eine ethische, nachhaltige, bessere Welt tatsächlich möglich ist. Die Menschen werden zusehends handlungsfreudiger.

Und Jeremy Rifkin ruft die dritte industrielle Revolution aus, in der wir kaum noch arbeiten müssen, alles nachhaltig organisieren und eine bessere, fairere Welt vor unseren Augen entsteht.

Indikatoren für Arbeit 3.0

  • Startups
  • Social Entrepreneurships
  • neue globale, soziale Netzwerke (abseits alter Institutionen)
  • neue Mobilität
  • digitale Nomaden
  • Zunahme von Sabbaticals
  • Prekarisierung von akademischen Jobs
  • Bedeutung der kreativen Klasse

Aus dieser Gemengelage erwachsen jetzt ganz neue Strukturen, angetrieben aus einem Mix aus kultureller Anspruchshaltung und technologischer Machbarkeit, die sich wechselseitig am Markt anfeuern und aus denen wiederum neue Entwicklungsschritte hervorgehen.

In Graswurzel-Bewegungen entfaltet sich eine vernetzte, demokratischere Welt. Teilweise marktradikal, teilweise marktkritisch: Außer MOOCs, selbstfahrenden Autos und Maker-Kultur wachsen die Occupy-Bewegung und der arabische Frühling neben Stadtgärten, Ökostädten, Hydrokultur auf dem Boden der sozialen Netzwerke.

Es ist viel in Bewegung, es entstehen neue Formate, erst online gegen offline, dann hybrid, dann egal, weil zielorientiert. Die Möglichkeiten sind mannigfaltig, die staatlichen Institutionen hecheln hinterher. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit, wann das System als solches strauchelt. Et voilá: 4.0 steht vor der Tür.

Indikatoren für Arbeit 4.0

  • Augenhöhe
  • Clickworker
  • Crowd-Gedanken
  • Diskussion um Grundeinkommen
  • zunehmende Automatisierung
  • Robotics
  • verteiltes Arbeiten
  • „Plattform-Kapitalismus“

Nun stehen wir hier, die politisch Verantwortlichen sind erschreckt und haben nunmehr sich der vierten (!) industriellen Revolution angeschlossen.

Industrie, das konnten wir in Deutschland schon immer, so heißt es, jetzt also ran an die Fleischtöpfe. Nebenbei hat man so das sozialkritische 3.0 elegant umschifft. Wir machen weiter wie bisher, so das neue alte Motto, nur eben etwas moderner, also weniger Humanressourcen. Der Rest der Digitalisierung ist uns eh schon enteilt.

Moment, ruft da das BMAS, so geht es ja nicht. Dafür sind die Menschen nicht jahrzehntelang auf die Barrikaden gestiegen, um jetzt einfach wegrationalisiert zu werden. Man versucht verzweifelt an der Narration des alten Sozialstaats festzuhalten, statt sich im transformativen Denken zu üben.

Aber, Achtung: Wie das Institute for the Future 2015 in einem drängenden Call to Action formulierte:

„Um unsere Technologien, unsere Volkswirtschaften und unsere Politik entsprechend der Bedürfnisse der künftigen Erwerbstätigen zu gestalten, müssen wir erst unser altes Verständnis von Erwerbstätigkeit über Bord werfen. Wir müssen erkennen, dass wir die Mittel haben, mehr Gleichberechtigung und mehr Sicherheit zu organisieren und als Gesellschaft viel mehr erreichen können, als nur einen Gehaltsscheck nach Hause zu bringen.“

Die Plattformen seien nunmal die neuen Schnittstellen der Arbeit und nur weil sie sich fundamental von der bisherigen Arbeitsorganisation unterschieden, seien sie nicht per se schlecht. Unsere alten Denkmodelle mit Normalarbeitsverhältnissen, Teilzeitkräften, Freelancern und Unternehmern funktionierten in dieser neuen Welt einfach nicht mehr.

Um mehr Sicherheit und Gleichheit herzustellen, sei es nötig, diese alten Denk- und Arbeitsmodelle hinter sich zu lassen. Man müsse das soziale Sicherungssystem drumherum halt einfach neu organisieren. Und dies jetzt unmittelbar. Andernfalls würden die negativen Kräfte gewinnen.

10 Strategien schlugen sie deshalb der Politik vor, wie man hier neue, zeitgemäße Rahmenbedingungen schaffen könne. Hier nachzulesen: Ich hatte den Report des Institute for the Future in einem Newsletter letztes Jahr grob zusammengefasst.

Fazit

Das Unbundling der angestellten Jobs habe bereits begonnen, so Nick Grossman und Elizabeth Woyke in ihrem E-Book zur Gig Economy.

Die Dienstleistungen, die bislang Gesellschaft und Arbeitgeber für ihre Arbeitnehmer_innen übernahmen, werden nunmehr in ihre Bestandteile zerlegt, optimiert und als externe Dienstleistungen angeboten:

  • Jobplanung
  • Finanzierung
  • soziale Sicherung
  • Identitätsmanagement
  • Community
  • Weiterbildung
  • Betriebsanlagen

Das sind Bereiche, in denen immer optimiertere Angebote entwickelt werden und die jetzt vom Einzelnen gemanagt werden können – je nach persönlichem Gusto. Das bedeutet de facto Arbeit 4.0. Und das hat gute wie schlechte Seiten.

Optimierungswahn höre ich manche schon nuscheln. Ja, stimmt. Dort kann dies alles münden. Will man aber mündige Bürger_innen unterstützen, so gilt es, als Gesellschaft insgesamt umzudenken und das soziale Sicherungssystem neu zu definieren. Es wäre höchste Zeit!

Aber kann man damit wirklich die flexiblen Strukturen für die Menschen kompensieren?!

Das ist die entscheidende Frage. Erste Startups haben bereits begonnen, hier sinnvolle Angebote zu entwickeln. Weitere werden sicherlich folgen.

Die Diskussion ist in den USA diesbezüglich schon viel weiter als hier im deutschsprachigen Raum. Hier lamentiert man auf allen Seiten, was wir alles verlieren – und welchen Unsinn sich der kalifornische Optimismus schon wieder ausgedacht habe.

Sicherlich, man sollte jeden Schritt kritisch hinterfragen – aber nach vorne scheiternd, bittschön.

Damit sich dies ändert, entwickeln wir aktuell den anderen MOOC zum Thema Arbeit 4.0 (hier mehr zu den Details). Ihr könnt euch kostenlos registrieren. Am 13. April starten wir. Für 7 Tage.

Arbeit 4.0 by @nbauch

Für diejenigen, die sich schon mal einlesen wollen: Wir hatten im letzten Jahr bereits ein kleines E-Book zum Thema Arbeitsleben 4.0 geschrieben. Für den Einstieg kann ich das guten Gewissens empfehlen. Have fun!

facebooktwittergoogle_pluspinterestlinkedinmail

1 Comment

  1. Detlev Artelt

    Eine schöne Zusammenfassung zu Arbeit x.0 die ich gern ausführlich in der sozialen Netzwelt teile. Etwas Futter für die Diskussion möchte ich gern mit meiner Publikation „Einfach Anders Arbeiten“ beisteuern.

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Aufbau eines ThinkTanks 4.0 HIER
LIVE: Erfahre kollaboratives Arbeiten Workspace ab 04.05.2016