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Der Schrei nach Digitaler Bildung (4.0)

Heute möchte ich ein paar Überlegungen hier ausführen, die ich seit längerem in mir trage und zunächst in unserem Newsletter als ersten Wurf formulierte, um mir ein wenig Feedback auf die Überlegungen einzuholen. Gelebte Ko-Kreation 4.0 sozusagen.

Das Thema ist der allseits so beliebte Begriff „Digitale Bildung“, der gerade eine Inflation erfährt angesichts der digitalen Transformation, letztlich aber im Mainstream mehr Altes konserviert als Neues hinzufügt. Also alles andere als 4.0 ist. Aber fangen wir vorne an.

Im Begleitzug zur Diskussion rund um „Arbeiten 4.0“ hat sich eine Erkenntnis durchgesetzt, dass „Bildung“ der zentrale Dreh- und Angelpunkt sei, der Menschen auf ihrem Weg in die digitale Gesellschaft begleiten müsse. Spätestens jetzt werde es ernst mit dem Slogan rund um „lebenslanges Lernen“.

Ja, es heisst sogar, Bildung sei DAS Thema des 21. Jahrhunderts – und so, wie wir (!) derzeit aufgestellt seien im Bildungssystem, könne es nicht länger bleiben.

Nun kann man sich allseits immer schnell darauf einigen, dass das Bildungssystem im Argen liegt, von daher erfährt man da immer breite Zustimmung, derweil:

Welche Konsequenzen zieht man aus dieser Erkenntnis?

Im Zuge der Diskussionen rund um die digitalen Transformationen können wir verschiedene Interessensvertreter/innen identifizieren, die sich gerne in diesem Markt positionieren würden.

  • Da ist zum einen die neue Bildungsindustrie, ein sehr kapitalträchtiger Komplex, der sich aktuell breit aufstellt im Kontext digitaler Bildungssysteme; in Deutschland können wir hier Bertelsmann, SAP, Microsoft, Facebook und neuerdings auch Holtzbrinck als beispielhafte Player anführen.
  • Da ist zum anderen der Einzug grosser Beratungsfirmen in die Bildungsberatung zu erkennen: Roland Berger, Capgemini, Price Waterhouse usw. dringen massiv vor und beraten mit (halbgaren) bildungspolitischen Konzepten diverse Institutionen (inkl. Ministerien) bei der Umgestaltung des Bildungssystems.
  • Alle zusammen treffen sich dann gerne bei einschlägigen Veranstaltungen vorzugsweise in Berlin rund um die „digitale Bildung“, wo sich der Mainstream die Hand gibt und die, veranstaltet von den üblichen Lobby-Organisationen wie Bitkom, Hochschulforum Digitalisierung oder Initiative D21, eine breite Zustimmung erfahren.
  • Neben dieser Szene können wir diverse zivilgesellschaftliche Initiativen erkennen, die teilweise mit Herz, teilweise mit Kalkül die Bildungswelle reiten, und sich für „soziale“ Teilhabe und Gerechtigkeit einsetzen. Manches ist gut, anderes auch hier halbgar, aber okay: Diese Arbeitsplätze empfinden viele immerhin als sinnvoll. Und praktizieren so auf ihre Art „Wissensvermittlung“.
  • Dieser Hang zur Wissenvermittlung vereint dann auch all diese Gruppen mit der letzten Gruppierung, die ich hier anführen möchte: Es sind die Vertreter/innen des alten Bildungssystems, die sich von verschiedenen Zwängen beeinflusst fühlen und sich naturgemäss gegen diese externen Vereinnahmungen wehren.

Was all diese 5 Gruppen darüberhinaus vereint:

Sie treten teilweise massiv in der Öffentlichkeit auf und sie fordern mal mehr, mal weniger „digitale Bildung“ – und zwar möglichst IN den alten Bildungsstrukturen.

Ja, das bisherige Bildungssystem wird in seiner grundsätzlichen Konstitution nicht einmal ansatzweise in Frage gestellt. Es soll sich nur ein wenig digitalisieren – über die Details kann man sich dann mit sich zunehmend verhärteten Fronten diskutieren.

Gleichzeitig werden in den sozialen Netzwerken wie wild die „Rants“ auf die vermeintliche Unreformierbarkeit des Auto-, Handels-, Bankenwesens etc. pp. geteilt – ohne in Erwägung zu ziehen, dass sich DAS Bildungswesen aktuell auch in genau solch einem radikalen Wandlungsprozess befindet.

Befinden MÜSSTE, denn der massive Unterschied „der Bildung“ zu anderen Branchen ist der:

Sie ist massgeblich öffentlich finanziert – und der Markt kann nur einen geringen, finanziellen Druck auf die Branche ausüben.

Nun ist gar nichts dagegen einzuwenden, dass der Staat die Grundversorgung in „DER Bildung“ übernimmt. Nur muss man sich angesichts der Dynamik der aktuellen Veränderungsspirale und den absehbaren Problemen angesichts disruptiver Entwicklungen fragen, ob man nicht die Strukturen des alten Bildungssystems grundsätzlich hinterfragen müsste, will man denn den Menschen eine mittelfristige Zukunftsperspektive bieten.

Denn, bittschön, wie soll ein starres, top-down-gelenktes Bildungssystem mit allen Regularien auf dynamische Entwicklungen reagieren können? Mit all den erforderlichen Akkreditierungen, Zertifizierungen, Qualitätsmangement-Anforderungen usw. usf. Das funktioniert heute einfach vorne und hinten nicht mehr.

Listening Project (Akademie der Künste, Berlin)

Listening Project (Akademie der Künste, Berlin)

TAKE ACTION

Im Grunde müssten wir doch „die Bildung“ heute als ein System auf 2 Säulen aufbauend denken:

  1. Die lebenslange, agile Säule, die einen aktiv an der Gesellschaft teilhaben lässt.
  2. Die grundlegende, statischere Säule, die Menschen mit einem Charakterbild prägt, damit diese sich kompetent in der lebenslangen Säule bewegen können.

Punkt 2 wäre in etwa das, was wir derzeit als Ausbildung beschreiben; Punkt 1 wäre die Weiterbildung, nur eben ganz anders gedacht.

In unserem Bericht für den Stifterverband, was wir aus zivilgesellschaftlicher Perspektive heute von den Hochschulen erwarten, kann man unseren Ansatz bereits herauslesen:

  • Die Ausbildung ist auf eine kompakte Phase der Charakterbildung und ggf. noch ein „Studium Generale“ für Interessierte zurechtzustutzen. Und das sollte nebenbei nicht mehr in Top-Down-Frontalbeschallung erfolgen – egal ob on- oder offline. (Inwiefern hier eine angepasste Form der dualen Berufsausbildung anschlussfähig sein könnte, müssten wir separat analysieren.)
  • Für die lebenslange Weiterbildung bräuchte es so-oder-so diverser Infrastrukturen, auf die man bei persönlichem Bedarf jederzeit zugreifen kann, ohne dass ein überforderter Jobcenter-Mitarbeiter oder Boss hier ein Veto-Recht hat. Um dieses individuelle „Recht auf Weiterbildung“, wie das BMAS es überraschend fortschrittlich in seinem Weissbuch auch ins Visier nimmt, zur Entfaltung zu bringen, brauchen die Menschen unabhängig von ihren jeweiligen Rahmenbedingungen Zeit, Geld, inklusive wie vielfältige Angebote und neue Räume, wo sie ggf. direkt in der Praxis neue Ansätze entwickeln können.

Überhaupt: Je länger ich über unseren kommenden MOOC und die entstehende „Community of Practice“ zur regionalen Bildung 4.0 nachdenke, desto stärker drängt sich mir auf:

Die neuen, zeitgemässen Weiterbildungsorte werden Makerspaces sein, ggf. mit angedocktem CoWorking-Bereich. Vielleicht werden sie gar zu zentralen Bildungsankern für die Aus- und Weiterbildung heranwachsen. Denn hier entstehen die neuen Innovationen, die unsere Gesellschaft voran bringen – und zwar crowdbasiert aufgrund des Zusammenspiels heterogener Akteure.

Alleine aus TechShop heraus, der fantastischen Makerspace-Kette in den USA (wir besuchten sie im Oktober in San Francisco), sind in den letzten Jahren mehr Jobs durch Unternehmensgründungen entstanden als durch sämtliche kreativen Universitätsangebote in den USA. (Ihre erste Dependance in Europa ist übrigens in Paris angesiedelt.)

Indem die Menschen sich in den Makerspaces nebenbei das aneignen, was sie gerade benötigen, um für die Weiterentwicklung ihrer Geschäftsidee zu sorgen, arbeiten sie sich Schritt für Schritt an die Markt-Einführung heran.

Das ist tatsächlich gelebtes lebenslanges Lernen in einer zeitgemässen Infrastruktur. Kein Gelaber, keine Muse, sondern lernende Praxis, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Sagen wir mal, die These stimme, dass Makerspaces die Bildungsorte der Zukunft sind: Wie könnte diese Entwicklung am besten gestaltet werden?

Ich denke, indem man maximal viele, kreative, möglichst neutrale Orte entstehen liesse, mit wenigen Restriktionen seitens alter Institutionen wie Gross-Unternehmen oder Hochschulen, die sich auch verstärkt in diesem Feld tummeln – damit aber auch ihre alten Spielregeln in die neue Welt mit reintragen und selbst (natürlich) von dieser Entwicklung profitieren wollen.

Ist auch okay, nur bitte in der Politik nicht die Kreativität der vielen anderen vergessen, die kollektive Intelligenz, das Potenzial, das in allen Menschen schlummert, wenn sie denn könnten, wie sie wollten.

Insofern lasst uns als Zivilgesellschaft weiter am Ball bleiben: Die Welt ist vielfältig und bunt – und aktuell besteht die Chance, etwas auch zum Besseren, zum Neuen, zum Nachhaltigen verändern zu können. Macht also gerne mit!

Mehr rund um dieses Themenfeld erfahrt ihr dann in unserem MOOC im April 2017. Wir nennen ihn übrigens Leuchtfeuer 4.0 – und es dreht sich maßgeblich um neue Entwicklungen, neue Berufe und neue Räume.

Zur Info
Wir bereiten Teile des MOOCs ab Ende Januar wieder ko-kreierend mit unserer Slack-Community gemeinsam auf. Wer hier rechtzeitig dabei sein will, ist herzlich eingeladen!
Was es in der Slack-Community sonst noch gibt?
  • Eine umfangreiche Einführung in Slack – on demand.
  • Aktuell spielen wir darüber hinaus in einer Subgruppe der Community mit IBMs Watson herum, um zu verstehen, welchen Mehrwert dieser uns am Arbeitsplatz bieten kann.
  • In monatlichen Themengruppen professionalisieren wir kollaborativ unsere persönlichen Online-Profile.
  • Und nächste Woche gibt es am Donnerstag, den 26. Januar um 19 Uhr wieder ein offizielles Onboarding-Webinar für alle Neuen und Alten, die sich auf den Stand der Dinge bringen lassen wollen.
  • Übrigens: Wir verstehen uns als kleiner ThinkTank 4.0 – es gibt also nicht die Bescheidwisser/innen, sondern wir erarbeiten uns die Zukunft im gemeinsamen Verbund.

In diesem Sinne: TAKE ACTION!

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3 Comments

  1. […] Zur Diskussion wird eingeladen. Der Artikel ist übrigens auch ein gedankliches Warmlaufen für den Leuchtfeuer 4.0-MOOC, der im April beginnen soll. Anja C. Wagner, FlowCampus, 18. Januar 2017 […]

  2. […] C. Wagner schreibt auf FlowCampus.com Interessantes zum Thema Digitaler Bildung. Ich verfolge die Aktivitäten rund um ununi.tv und […]

  3. Johannes Moskaliuk

    Ich bin dafür. Und habe noch drei Aspekte ergänzt:
    1.) Forschungsergebnisse können Gestaltungsvorschläge für Bildung 4.0 liefern.
    2.) Die Hochschulen sind ein wesentlicher Player für Bildung 4.0.
    3.) Im Blick auf Bildung 4.0 müssen wir die richtige Flughöhe finden.

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