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B(u)ildung 4.0: Die Innovatoren und ihre Voraussetzungen (Kap. 1.2)

Wir leben mitten in der digitalen Revolution. Weder sind wir individuell noch strukturell optimal darauf eingestellt. Wie schafft man heute möglichst zeitnah den Switch? Früher begegnete man den industriellen Revolutionen mit zentralisierten Bildungsreformen. Doch was wäre die Alternative zur Einrichtung polytechnischer Hochschulen heute?

Industrielle Revolutionen wurden von Wissenschaftler*innen, Forscher*innen, GelehrteN und Erfinder*innen ausgelöst, die über die herrschende Lehrmeinung und ihre Regeln hinweg dachten, weil sie neugierig und wissenshungrig waren.

Den Vor- und Weiterdenkern wie Johannes Kepler, Galileo Galilei, Antoine Lavoisier, C.F. Gauss und Albert Einstein schlugen von Seiten ihrer Zeitgenossen nicht gerade spontane Wellen der Begeisterung entgegen.

Aber die erste industrielle Revolution im 18. Jahrhundert machte wissenschaftliche Erkenntnisse in fast allen ökonomisch relevanten Bereichen – Landwirtschaft, Infrastrukturen, Transport, Handwerk, Banken – zu Möglichkeiten und Lösungen der Ingenieurskunst, in denen sich geistig-schöpferische, praktische und gesellschaftlich nützliche Tätigkeit verband. “Fortschritt” und “Positivismus” bestimmten die Denkart des 19. und 20. Jahrhunderts. Fortschritt war positiv konnotiert – und unilinear. Es ging immer nur in eine Richtung, nämlich nach oben.

Neues Wissen in seiner praktischen Umsetzung sofort als Kompetenz zu verarbeiten, es als kreatives Gemeingut einzusetzen und zu erweitern, erfordert jedoch nicht nur spontane Lern- und Lehrbereitschaft, sondern die Fähigkeit, alles Vertraute und Bekannte hinter sich zu lassen.

Die Luddites genannten Maschinenstürmer, die sich 1820 den neuen Technologien widersetzten und sich gleichzeitig gegen die starren Regeln der Berufsgenossenschaften empörten, haben auch heute Epigonen, die die digitale Revolution als Einstieg in die digitale Demenz verteufeln. Das allgemeine Unbehagen vor dem Unbekannten ist Wasser auf die Mühlen der Bildungs-Konservativen.

Doch was nützen geniale Ideen und kreative Erfindungen, wenn die nötigen Fachkräfte für ihre schnelle Umsetzung fehlen – weil strukturkonservative Entscheider*innen die Zeichen der Zeit nicht in ihrer Dramatik begreifen (wollen)?

Bildungsreformen

Früher setzten aufgeklärte Entscheider die Bildungsreformen auf dem kurzen Dienstweg von oben durch. Ob das heute wünschenswert wäre? Wohl kaum. Ob ein Blick in die Geschichtsbücher lohnt? Wohl schon.

Aus dem Bedürfnis heraus, anwendbares Wissen und Erfindungen flächendeckend sofort zu nutzen, entstanden in Frankreich (1743) die ersten polytechnischen Hochschulen. Dort wurde von Anfang an ohne starre Fächerzuordnung gelehrt und gelernt. Wissenschaften, Technologien und Philosophie bildeten in diesen Lehrstätten ein Ganzes und förderten so ganzheitliches Denken.

Um schnell die größtmögliche Anzahl an kreativen und innovativen jungen Köpfen anzulocken, war die Aufnahme an den frisch gegründeten polytechnischen Schulen lediglich an die intellektuellen Fähigkeiten und nicht an den gesellschaftlichen oder finanziellen Status der Kandidaten gebunden. Damals bekamen sie sogar ein kleines Taschengeld und der Staat sorgte für Kost und Logis, so wertvoll waren sie ihm!

Deutschland zog ab 1810 mit der Reformierung des Bildungssystems nach – auch um den industriellen Vorsprung Frankreichs und Englands aufzuholen. Hier begann Wilhelm von Humboldts bildungspolitisches Wirken, auf das sich bis heute die meisten deutschen Bildungs-Apologet*innen berufen (Wagner 2015).

Der Pragmatismus der europäischen Bildungsreformer des 18. und 19. Jahrhunderts in Frankreich und in Deutschland gründete sich damals auf eine einfache Überlegung:

Je mehr Menschen über theoretisches Wissen und praktische Fertigkeiten verfügen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich aus der Masse Kreativität und neue Ideen entwickeln, die die Individuen und die Gesellschaft bereichern.

Dieses Prinzip wurde auch vom politischen und ökonomischen Konsens befördert. Es gab ja in den europäischen Industrieländern ein staatspolitisches Motiv, schnell von Obrigkeits wegen das allgemeine Bildungsniveau im Land anzuheben: Das Bestreben, stärker, besser und mächtiger als die Nachbarn zu werden.

Wissen bedeutete ökonomische Macht, auch für Individuen. Das Kalkül ging damals auf.

  • Im 18. Jahrhundert waren es Handwerker und Wissenschaftler, die die technologischen Möglichkeiten in neue Lösungen und Produkte verwandelten. Aus denjenigen, die schnell waren und unternehmerisch dachten wurden erfolgreiche Industrielle.
  • Frühe Garagentüftler entwickelten Produkte, die anfangs niemand verstand, später aber alle haben wollten und die somit die ökonomische Ordnung veränderten.
  • Für an den Rand gedrängte Existenzen (Frauen, Juden) waren Kreativität, Innovation und Wissen die einzigen Fluchtwege aus der gesellschaftlichen Einengung und die Chance zum sozialen Aufstieg.
  • Arbeiter, die lesen und schreiben konnten und noch dazu die neuen ökonomischen und technologischen Gesetze für ihren eigenen Karriereplan nutzten, schafften es später bis zum Direktor großer Fabriken aufzusteigen.
Hohes technisches Verständnis, eiserne Energie und Ehrgeiz verhalfen ihm zu frühzeitigem Abschluss und Aufstieg.

- Ernst Voss, Direktor der Voss-Werke

Und heute?

Das Kalkül gilt noch heute. Nur haben sich sowohl die Anzahl als auch die Eigenschaften der Fachkräfte verändert, die es auszubilden gilt.

Wissensarbeiter*innen als Büroangestellte im Dienstleistungssektor werden als Massenprodukt nicht mehr gebraucht. Zudem ist die Mehrzahl der Erwerbstätigen in Deutschland heute nicht mehr ungebildet wie im 19. und 20. Jahrhundert, trotz der hartnäckigen Analphabeten-Quote von offiziell über 10%.

Quelle: BME 2016

Doch wenn nur die Hälfte der Arbeitszeit aller Wissensarbeiter*innen unproduktiv ist und etwa die Hälfte dieser Jobs durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz und Software im kommenden Jahrzehnt überflüssig werden, wird ihre Weiterbildung zu einem gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Problem.

Bildungsreformen von oben schnell und zügig durchzusetzen wie bei den vorigen industriellen Revolutionen und ihren Bildungsschüben, mag sich heute niemand vorstellen. Außer der “Ellenbogenfreiheit” fehlt dazu auch die Zeit. Es gibt aber noch andere Gründe, warum Bildungsreformen von oben nicht die Lösung sein können.

  • Die digitale Rückständigkeit liegt in der Natur eines Bildungswesens, das sich zwischen der ersten und zweiten industriellen Revolution mit seinen Werten etabliert hat.
  • Hürden, die von Bildungsbürokraten errichtet werden, sind immer noch hoch (Wiarda 2009) und die Widerstände in Veränderungsprozessen sind zäher als die Pioniere 4.0.
  • Im Informations-Getöse verhallen Aufrufe wie die der Bundeskanzlerin 2008 zur Bildungsrepublik genauso wie Warnungen vor dem digitalen Darwinismus der deutschen Wirtschaft oder die einseitigen Meldungen zum Thema Industrie 4.0 – dass sie nachhaltig Wirkung zeigen werden, ist unwahrscheinlich.
  • Zudem, Bildung bleibt hierzulande die letzte Länderhoheit mit widersinnigen Kooperations-Verboten und Verschachtelungen.
  • Die Grundausbildung gilt noch als ein Allgemeingut und soll allen kostenfrei zugänglich sein. Aber Gleiches gilt nicht für die lebenslange Weiterbildung, die Politiker*innen, Unternehmen und Sozialpartner fordern. Immerhin steht das persönliche Erwerbstätigenkonto mit 20.000 Euro pro Jahr jetzt im Raum, bei dem aber natürlich auch alle mitbestimmen wollen.
  • Schließlich: Die neuen digitalen Technologien sprengen den traditionellen Wissenstransfer in Form von temporärer, einmaliger Ausbildungszeit und führen zu einer hybriden Arbeitszeit. Sie wird künftig von einer zweiten Ebene überlagert, die lebenslange Lernzeit als Teil der Arbeitszeit vorsieht. Für beide müssen innovative und nachhaltige Lösungen erst erfunden werden.

Arbeiten 4.0

In Zeiten fortschreitender künstlicher Intelligenz, in denen Roboter nicht nur über theoretisches Wissen und praktische Fertigkeiten verfügen, sondern bald durch die systemische Datenvernetzung neue Lösungen und neues Wissen entwickeln können, läuft den Bildungsträgern und ihren Nutzern entsprechend die Zeit davon. Und was kommt dann?

Durch die Vernetzung von Milliarden Menschen über mobile Endgeräte mit immenser Speicherkapazität ist der Zugang zu Informationen und Wissen unbegrenzt. Neue Technologien im Bereich der KI, dem IIoT, Roboter, 3D Drucker, Nano-Technologien, Biotechnologien, Quantum Computing und Smart Grids stehen schon ins Haus.

- Schwab 2016, WEF

Nicht nur die Grenzen zwischen den verschiedenen Tätigkeiten verschwinden durch die neuen Querverbindungen. Auch die Grenzen zwischen Arbeiten und Lernen werden durchlässig und machen in vielen Bereichen starre Jobprofile ebenso sinnlos wie feste Ausbildungsraster.

Die digitale Revolution schafft dabei auch eine neue Werteordnung:

  • Die Zusammenarbeit mit KI und der wachsende Bedarf an Kreativität in allen ökonomisch wertschöpfenden Bereichen, auch und vor allem in der Bildung.
  • Welche Werte stehen dem Zeit-, Energie-, Geld-Aufwand gegenüber? Die immer kürzeren Haltbarkeitszeiten des vermarktbaren Wissens zwingen alle Erwerbstätigen zu einer proaktiven Kosten-Nutzen-Analyse. Lohnt sich überhaupt der finanzielle und zeitliche Aufwand? Wie und wo sind die gleichen Inhalte zugänglicher und kostengünstiger? Bieten die Wissensinhalte genügend Vernetzungspunkte für Querverbindungen?

Lernen 4.0

Die künftige individuelle Beschäftigungsfähigkeit hängt von der lebenslangen Lernfähigkeit und Lernbereitschaft des Einzelnen und seinem Lernumfeld ab.

Die Wissensarbeiter/innen des 21. Jahrhunderts entwickeln ihre Kompetenz in kreativer Verbindung mit der Materie. Sie werden dabei zu schaffend tätigen, vielfältig vernetzten Wissensnomaden, vielseitig einsatzfähig und immer auf der Suche nach Neuem – im eigenen Interesse. Lernen entspricht immer mehr einem Learning by doing.

Den polytechnischen Hochschulen von einst stehen somit in Zukunft sich selbst weiterbildende Menschen gegenüber, die auf komplexe lebensbegleitende Lernsysteme zugreifen müssen, die das Wissen der Einzelnen mit dem der Maschinen vernetzen. Wie solche Systeme ansatzweise aussehen können, darauf kommen wir im 3. Kapitel zu sprechen.

Auszug aus unserem sich in der Endredaktion befindenden neuen Buches. Coming soon!

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