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B(u)ildung 4.0: Mickey Maus & Co. (Kap. 1.5)

Hochschulen und Universitäten haben im letzten Jahrzehnt über 18.000 Studiengänge auf den Bildungsmarkt gebracht (Laborjournal 2015). Darunter sind neben den Büffel-Studiengängen immer mehr “Mickey-Maus-Abschlüsse” (Shepherd 2010), doch anscheinend nicht genug innovative MINT- und Maker-Anschlüsse – und viel zu wenige Querverbindungen zwischen Handwerk, Wissenschaft und Universität, ganz zu schweigen von der zeitgemäßen digitalen Dynamik.

Autozentrierte Systeme wie die institutionellen Bildungssysteme entwickelten im letzten Jahrhundert komplexe Wucherungsprozesse und Nischen und dazu einen bürokratischen Überbau, der bislang allen Reformen widersteht (Unterberger 2013).

  • Einerseits wurde (wie im vorigen Kapitel angeführt) der Massenbetrieb in BWL und VWL angekurbelt, wo sich die Auslese durch das Büffel-Prinzip ergibt.
  • Andererseits verwandelten Professor*innen ihre individuelle Orchideenzucht in Studiengänge. Master of Arts in Sorabistik, Onomastik, Keltologie garantieren zumindest den Lebensunterhalt der Professor*innen, Dozierenden und einiger Bürokrat*innen, die die Strukturen dafür aufbereiten.

Wie in der Industrie- und Dienstleistungsindustrie wird auch im Bildungssystem die Produktion ständig segmentiert und in Mogelpackungen mit neuer Aufschrift gesteckt (Siems 2016). Quality Time Experte oder Business Information System Advisory gefällig? Auf Englisch kommt alles besser an und niemand weiß mehr so genau, was damit gemeint ist. Dabei wurden zwei Trends vernachlässigt: Wissen kommt heute sofort in den Umlauf, sucht nach Quervernetzungen und bleibt gerade in den neuen Bereichen Beta. Was soll da noch zertifiziert werden?

Doch welche Gegenleistung bringen die ca. 130 Milliarden Euro des Bildungsetats (statista 2017)? Wie integrieren die öffentlich finanzierten Bildungsanstalten den wachsenden Bedarf an dynamischer Weiterbildung? In welchem Verhältnis stehen bürokratischer Aufwand (Kühl 2017), Instandhaltung der Strukturen zu einer effektiven Zukunftsinvestition in „B(u)ildung 4.0?“.

Die Frage ist doch heute, gerade in Zeiten der großen digitalen Transformation: Wie können sich Menschen selbst empowern, ihre Zukunft aktiv mitzugestalten, statt nur zu verwertbaren, temporären Angestellten ausgebildet zu werden?

Blicken wir zurück

Die Anhebung des allgemeinen Bildungsstandards stellte den Anstieg des intellektuellen Wohlstands für alle dar. Chancengleichheit, ziviles Bewusstsein und bürgerliches Engagement – alles kam mit in den Bildungskoffer.

Die Vorstellung von einer Arbeit, die viel Freude, persönliche Erfüllung oder möglichst viel Geld und Anerkennung bringt, motivierte tatsächlich immer mehr Menschen, zehn oder zwanzig Jahre ihrer Lebenszeit für Bildung zu investieren und dabei viel Stress, Frust und Kröten zu schlucken.

Dabei ergab sich mit der Zeit eine eigenartige Polarisierung: Während die Zahl der maroden Schulen stieg, explodierte die Zahl der Fachhochschulen.

So wie sich die Dienstleistungsgesellschaft im vorigen Jahrhundert ständig neue Bereiche mit immer neuen Zwischenebenen in Versicherungen, Verwaltungen, Banken mit neuen Geschäftsmodellen erfand, segmentierten auch die ausbildenden Einrichtungen die traditionellen Fächer in Nischenbereiche oder luftige Lego-Schlösser mit zwiespältigen Bewertungen (SPIEGEL ONLINE 2017).

Parallel dazu entwickelte sich die trügerische Dialektik des Nischenwissens: Es habe aufgrund seiner Rarität einen höheren Stellenwert auf dem Arbeitsmarkt. Doch Nischenwissende stehen heute in direkter Konkurrenz zu Google, Deep Blue, Watson und sind außerhalb der Lehranstalten nicht beschäftigungsfähig. Dort wird aber das erworbene Wissen teilweise mit einem effektiven Stundensatz von € 8,33 bewertet, etwas weniger als der gesetzliche Mindestlohn (Preuß 2014) – und die digitalen Nomaden sind die Bullshit Jobs 4.0 (Mash Up Nantes #12 2017).

Blicken wir nach vorne

Der Bildungsetat könnte heute besser für eine hochwertige Grundausbildung ausgegeben werden, die allen nach zehn Jahren eine zeitgemäße Grundkompetenz ermöglicht.

Bei etwa 130 Milliarden Euro pro Jahr (statista 2017) wäre auch die effektive Förderung der etwa 2,5 Millionen Hartz-IV-Kinder, die nachhaltige Weiterbildung aller Erwerbstätigen und vor allem ein bedingungsloses Lernguthaben für alle (BELGUT) (Laurençon und Wagner 2016) und neue, offen zugängliche Räume wie Makerspaces die intelligentere Zukunftsinvestition.

Wir greifen diesen Aspekt später nochmals auf.

Auszug aus unserem sich in der Endredaktion befindenden neuen Buches. Coming soon!

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2 Comments

  1. Christoph Schmitt

    Dieses Buch könnte ein echter Renner werden. Richtig promoted…

    1. ununitv

      Was könnte man noch tun, um es „richtig“ zu promoten?

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