Input

Ist MINT wirklich unsere Zukunft?

Es gibt viele Gründe, warum Industrie 4.0 eine Kopfgeburt bleibt.

Da ist zunächst das sperrige Kofferwort. Es sollte zuerst ein Buzz und dann ein Branding werden. Doch nicht alle Kommunikatoren haben das Talent eines Steve Jobs oder Guy Kawasaki.

Das Label schuf nur Verwirrung  und führte zu Kontroversen: Industrie 4.0 in Deutschland? Wo wir doch gerade erst die Dritte Industrielle Revolution verarbeiten und das Internet weiter ein Politikum bleibt.

Seit dem offiziellen Startschuss 2011 hat sich hierzulande nicht viel getan.

Doch in den letzten 5 Jahren stieg Google ins Internet der Dinge ein, Elon Musk ins Automobilgeschäft und China rüstet um. Den Willen, das Geld von Privatinvestoren und Staat sowie die MINT-Reserven haben sie jedenfalls, trotz Rezession oder gerade deshalb.

Industrie 4.0

Auch in der Webökonomie geht es nur darum, die Pole Position zu erlangen und dann alle anderen auszubremsen. Wer ist der Schnellere?

Das internationale Industrial Internet Consortium (dem auch inzwischen Bosch, Siemens und SAP angehören, doch keine einzige deutsche Universität bzw. Forschungsinstitut) oder der deutsche Sonderweg Industrie 4.0 unter Ausschluss der engeren europäischen Partner wie Frankreich oder Italien?

Mancher weiß inzwischen ungefähr, was mit Industrie 4.0 gemeint ist, nämlich die Vierte Industrielle Revolution Made in Germany.

Aber wer weiß schon, wo die drei anderen beginnen, aufhören, was sich aus ihnen für Mensch und Natur ergab und warum mit dieser vierten industriellen Revolution das ökonomische und ökologische Versagen der Vorgängerinnen behoben werden soll?

Ökonomie war hierzulande noch nie ein Thema und Amnesie prägt den Zeitgeist.

Gestern redeten alle von Web 2.0 und den Datenkraken, heute wird versucht, die Industrie 4.0 in die Runde zu bringen. Was verbindet die beiden? Gar nichts, antwortet der Ingenieur aus Erlangen. Alles, meint der Software-Entwickler in Silicon Valley.

Weil sie mit Web 2.0 und 3.0 nicht viel anfangen konnten, kam Industrie 4.0 den Entscheidern in Politik und Wirtschaft gut zupass. So ließ man das neue Web 2.0, 3.0 Gedöns einfach im Sandkasten der Hipster und rief mit exklusiver PR-Begleitung den virtuellen Quantensprung in die neue Ära 4.0 aus.

Arbeiten 4.0 ist in diesem Gesamtbild eigentlich nur der Besenwagen und nicht die Speerspitze.

Das Netzwerk-Denken und -Arbeiten, die DNA der digitalen Revolution – blieb jedoch außen vor. Kein deutsches Unternehmen (mit Ausnahme einer winzigen Schar einsamer Vorreiter) hat bislang die Netzwerk-Dynamik in sein Betriebssystem integriert. Business as usual. Top-down. Basta.

The Times They Are a Changin’

Doch seit dem Zusammenschluss des Industrial Internet Consortium haben auch die traditionsbewussten Interessenvertreter der deutschen Wirtschaft begriffen, dass die digitale Revolution nicht nur eine Software ist, die die Produktivität mit weniger Humanressourcen steigern kann, sondern auch drei unsichtbare, aber mächtige Triebwerke besitzt:

  1. Beschleunigung
  2. Entgrenzung
  3. Vernetzung

Solange dieses Trio nur am Rande der Wirtschaft ihre schöpferische Zerstörung bewies (Medien, Handel, die Internet-Galaxie), nahm man sie zwar gelegentlich wahr, aber nie ernst.

Seitdem jedoch General Electrics (einst von Thomas Edison gegründet) den Schulterschluss zwischen dem Treibern der zweiten industriellen Revolution (Elektrizität) und denen der dritten industriellen Revolution (Soft-/Hardware, Internet und Big Data) machte, geht’s auch an das Eingemachte der deutschen Wirtschaft:

Die Exportschlager der zweiten industriellen Revolution (Maschinenbau, Mechatronik, Autos, Rüstung) werden in der transversalen Kreativ-Industrie zu Auslaufmodellen ebenso wie die Arbeits- und Unternehmensstrukturen, die mit ihnen in den letzten 50 Jahren entstanden sind.

Sie werden nicht von heute auf morgen verschwinden ebenso wie es weiter Sachbearbeiter geben wird, die Aktenordner anlegen, sie unter dem Bürotisch stapeln und mit Laufzetteln arbeiten.

Doch das Wirtschaftswachstum der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts und die Jobs dazu entstehen auf fünf neuen Kontinenten, die weder auf dem Bildschirm von Industrie 4.0 noch auf dem der Bildungsträger sind.

Revolution Nr. 4 ist ganzheitlich

Die Automobile 2020 werden schneller in der Kreativ-Industrie in Kalifornien als in Wolfsburg entwickelt. Google, Tesla, Apple vernetzen dazu das vorhandene Know-how der Ingenieure mit ihrem Dataflow, dem Internet, den Software-Anwendungen und der Netzwerkdynamik.

Doch diese Technologien, ihre Netzwerkdynamik und die unendlichen Datenschätze der gestern noch belächelten Konkurrenten der Kreativ-Industrie fehlen der Industrie 4.0. Diese erste Phase der digitalen Revolution wurde hierzulande verpasst.

Das Know-How der deutschen Ingenieure und Industriellen ist jedoch durchaus weiter verwertbar, wenn sie im Eiltempo und in einem flächendeckenden Verbund ein halbes Jahrhundert digitale Verspätung aufholen. Dafür fehlen aber die nötigen Human Ressourcen.

MINT ist nicht gleich MINT

Industrie 4.0 sucht MINT-Experten, so lautet der aktuelle Schlager. Und im Refrain geht’s weiter: Aber nicht irgendwelche.

Quelle: DIW Köln MINT-Report 2015

Das sind nicht mehr die rund 4,1 Millionen MINT-Facharbeiterberufe, die 1,2 Millionen in Meister- oder Technikerberufen. Mit Fachkräften meinen die Interessenvertreter von Industrie 4.0 die seltenen MINT-Experten.

Davon würden, so der Herbst-Report des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln 2015, in den kommenden Jahren immer mehr gebraucht. Doch wie viele und welche Jobprofile damit verbunden sind, will niemand genau sagen.

Wahrscheinlich liegt der offizielle Schwerpunkt zwischen Gestaltung von Produktionssystemen und Virtual Engineering („Zukunft der Arbeit in Industrie 4.0“ BMWI, S. 50).

Die Orange Economy, Green Economy, Circular Economy, Blue Economy jedoch mit ihren systemisch kaskadierenden Geschäftsmodellen und Jobgeneratoren werden als exogene Erscheinungen nicht einbezogen.

Und dennoch, transversal und hybrid, das sind die Merkmale aller neuen Businessmodelle, Produkte und Dienstleistungen der Zukunft. Hier wird kollektive Energie freigesetzt und hier entstehen Jobs, die für alle zugänglich sind.

No MINT, no Future?

Das Jobwunder kann hierzulande nicht in den MINT-Berufen entstehen. Dafür fehlen die Nachwuchskräfte, die Strukturen und die Menschen: Der Anteil der MINT-Azubis und Studenten wird nicht über Nacht explodieren.

In den MINT-Fächern ist zudem die Abbruchquote am höchsten und solange die Diskriminierung zwischen weiblichen und männlichen MINT-Fachkräften anhält, wird auch der MINT-Frauenanteil nicht steigen.

Vielleicht wäre auch die Konzentration von IT und Ingenieuren im kollektiven Automatisierungstrip mit künstlicher Intelligenz im Hintergrund nicht unbedingt zum Wohl der Allgemeinheit.

Die Jobs 2020 entstehen demnach nicht in der vierten Automatisierungswelle der Industrie. Smart Factories sind Jobkiller und hinter Smart Services stecken lediglich Personal sparende Online-Plattformen. Die PR-Agenturen behaupten zwar intensiv das Gegenteil in den vielen Pressemitteilungen zum Thema. Doch das ist ja ihr Job.

Jobs jenseits von MINT Kompetenzen 2020

Die neuen Jobs 2020 für Berufseinsteiger und Umsteiger (etwa 7 Millionen) entwickeln sich jenseits von MINT.

Sie stützen sich auf ganz andere Eigenschaften als die IT- und MINT-Expertise, mit der auch Informatiker – wenn sie nicht gerade App-Entwickler oder Big Data Analyst sind – den Wettlauf mit der künstlichen Intelligenz aufnehmen müssen.

Medizinische Assistenten in Labors und Krankenhäusern und Radiologen werden ebenfalls aus Kostengründen von Cyberbots ersetzt werden, sobald die Krankenkassen ihr Kalkül gemacht haben. Eine MINT-Ausbildung ist von daher kein Jobgarant.

Das Mantra des MINT-Mangels überspielt insofern geschickt das systemische Problem, das Georg Picht 1964 schon vor 50 Jahren als Bildungsnotstand klar definierte: Ein von staatlichen Instanzen und Politikern organisiertes Bildungssystem als Baumschule für Unternehmen und Wirtschaft kommt ins Schlingern, sobald sich die Wetterlage ändert.

Mit der digitalen Revolution ändert die sich aber stündlich.

Die neuen Jobs hängen von der Netzdynamik der digitalen Revolution und ihren drei Triebkräften (Entgrenzung, Beschleunigung, Netzdynamik) ab.

Hinzu kommt unsere individuelle und kollektive Fähigkeit, aus dem globalen Daten- und Wissensfluss schnell und präzise (Information Load Management wird zur Kompetenz) jene Informationen herauszufiltern, die für neue Produkte, Dienstleistungen, Geschäftslösungen weiterentwickelt werden können – im Sinne des Positivismus und nicht der normativen Ökonomie.

Genau dafür werden Kompetenzen wie Sense Making, Adaptive Thinking, Computional Thinking, Cognitive Load Management und eine skalierbare Media Literacy gebraucht. Jede von ihnen ist erklärungsbedürftig und sprachlich unbequem. Doch alle sind alternativlos, wenn man in der digitalen Revolution dabei sein will.

Wo bekommt man die? Nicht in den traditionellen Bildungseinrichtungen. Die haben bislang in starren Modulplänen und Punktesystemen genau diese neuen Kompetenzen von der Grundschule bis zum Masterdiplom erstickt, sofern sie keimten.

Zugegeben, kein seriöser Anbieter kann heutzutage die Jobprofile der Zukunft als Konserve bereitstellen. Sie müssen alle erst erfunden, entwickelt und im Open Innovation Prozess als Beta-Version ständig neu skaliert werden.

Doch wer ist zu diesem Aufwand als Vorleistung mit geringem ROE bereit und fähig? Dafür müssen zuerst andere Strukturen geschaffen werden, die ständig Inhalte aufnehmen, bereichern und weitergeben können.

7 Fakten im Kompetenzzentrum

Skillshare z.B., der Online-Lern-Provider der Kreativ-Industrie, brauchte über drei Jahre, viel Risikokapital und einen immensen kollektiven Input seitens der Experten der Kreativ-Industrie, um ein zeitnahes Angebot für Professionelle von Professionellen bereitzustellen und ständig zu erneuern.

Selbst in dem inzwischen verständlichen Bereich der Data Science ist das Ausbildungsangebot hierzulande eher spärlich, auch wenn es heutzutage leicht wäre, von anderen zu lernen oder zumindest bei ihnen mitzulernen.

Die ökonomischen, technologischen, soziologischen Fakten für die Jobs 2020 sind in einigen Bereichen (siehe Grafik oben) jedoch schon klar erkennbar:

  • Dienstleister im Gesundheitswesen. Darunter sind zwar die bislang schlecht bezahlten und prekären Pflegejobs. Doch auch die verlangen künftig neue Kompetenzen in der Kollaboration mit intelligenten Maschinen und neue Geschäftsmodelle. Dafür können nicht mehr die ausländischen Billiglohnkräfte beliebig eingesetzt und ausgetauscht werden. Outsourcing geht gar nicht mehr. Bei Buutzorg vorbeizuschauen wäre hier z.B. Smarter Learning.
  • Beruflich verwertbares Wissen entsteht in der neuen Education Economy. Immer mehr Berufstätige werden ein Leben lang im formellen und informellen Bildungsmodus bleiben. Dieser binäre Rhythmus betrifft gleichermassen die Unternehmen und die Arbeitnehmer, und zwar in einem ganz anderen Ausmass als bisher, wo man gelegentlich die Mitarbeiter zu Seminaren, Workshops oder zu mehr oder weniger vergnüglichen Schulungen und Incentives schickte, deren ROI nie zur Debatte stand.

Wie schon im Gesundheitswesen sehen Investoren in der lebenslangen Kompetenzerneuerung die größten und nachhaltigsten Profitpotenziale.

Der steigende Ressourcenmangel schafft unendlichen Bedarf an Tüftlern, Erfindern und Entwicklern von einfachen und preiswerten Produkten, mit denen Energie erzeugt, gespart und geteilt werden kann.

Nur, wo züchten wir uns diese heran?

Frugal Innovators sind nicht nur in Indien oder Afrika gefragt. Dazu gehört auch die Kreislaufökonomie, wo neue Jobs jenseits der MINT entstehen.

Mehr hier zur Anregung:

Die Links zum Weiterlesen:

Zum Unterschied zwischen dem positiven und normativen ökonomischen Ansatz der Industrie 4.0 und des Internationalem Consortium (USA) #Positivismus :

Die verschiedenen Artikel (aus deutscher Sicht zu Industrie 4.0)

#Industrie 4.0:

#General Electrics. The Internet of Things:

#MINT-Studie Deutsches Institut für Wirtschaft, Köln

#educational business

#Frugal Innovationshttp://socialmovement.org/

Special Mention:

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6 Comments

  1. Simon Dückert

    Interessanter Ansatz, dem Kofferwort Industrie 4.0 das Stiften von Verwirrung vorzuwerfen und dann ein solches Buzzword-Feuerwerk abzubrennen. Gewagtes Spiel mit der Ironie. I4.0 ist übrigens kein deutscher alleingang mehr, eine Kooperation mit IIC ist im Gange (https://www.plattform-i40.de/I40/Redaktion/DE/Pressemitteilungen/2016/2016-03-02-kooperation-iic.html). Am Ende wird es ohnehin globale Industriestandards geben, so wie in Vergangenheit bei Feldbussen, Barcodes, elektronischen Bauteilen etc. auch.

  2. angelica laurencon

    Danke für Deinen Kommentar….Ironie ist die Hintertür des Pessimus (Michel Foucault)

    Die Verbindung zwischen Industrie 4.0 und dem IIC ist logisch, liegt im Interesse der Stakeholder und in der direkten Linie zum TTIP, CETA und allen künftigen Abkommen.

    Doch wichtiger scheint mir hier einerseits die MINT- Mantra, die immer in diesem Kontext kommt und vielleicht ungewollt den Bildungsnotstand 2020 offenbart.
    Andererseits sind da auch die fehlenden Schnittstelle zu den KMU, und zwar in allen Bereichen, nicht nur in der Mechatronik, Autoindustrie,sondern vor allem im Internet der Dinge, da wo Google gerade bei NEST angesetzt hat. Last not least, m.E. ist die fehlende Schnittstelle zu dem Club of Rome (Blue Economy), der Green, Orange und Kreislaufwirtschaft. Hier liegen für mich die grössten Potentiale der KMU.

  3. angelica laurencon

    Pessimismus, sorry. Mit Brille wär das nicht passiert.

  4. Adrian Vogler

    Liebe Fr. Dr. Laurencon,
    habe gerade Ihren Artikel „Ist MINT wirklich unsere Zukunft?“ gelesen und würde mich dazu gern mit Ihnen vernetzen und austauschen.
    Mein aktueller Artikel befasst sich mit dem effektiven Wissensarbeiter in der digitalen Revolution und wie Sie sehe ich Industrie 4.0 als eine (zumindest unglückliche) Teilmenge, da das Thema, wie Sie es auch darstellen, von viel grundsätzlicherer Natur ist.
    Beste Grüße aus Franken,
    -Adrian Vogler

    1. Angelica Laurencon

      Gerne. Gemeinsam sind wir besser. Der Rest kommt per @. Danke für den ersten Schritt.

  5. Anja C. Wagner

    Uns wurde ein Link zugesendet, der mir wirklich interessant zu sein scheint in diesem Kontext. Sollte sich jemand für Data Science interessieren – hier findet man „18 Resources to Learn Data Science Online“: http://www.simplilearn.com/resources-to-learn-data-science-online-article – solche Leute werden händeringend gesucht…

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