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Bildungspolitische Memes – ein Dauerbrenner (Teil 2/N)

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Ich sammle in dieser Blog-Serie beliebte Narrative, die aktuell gerne für bildungspolitische Argumente genutzt werden, im Grunde aber anderen Zielsetzungen dienen. Meist auch eingesetzt als Ablenkung von eigentlich erforderlichen Aktivitäten, die einer bildungspolitischen Revolution im Sinne einer Transformation gleichkämen. Es sind beliebte Narrative, die im Stile eines Memes immer und immer wieder genutzt werden, um sich als State-of-the-art-Konstrukt zu verselbständigen und logischer Weise in der Folge eines Tages staatlicher Unterstützung bedürfen. Man muss das dann gar nicht mehr reflektieren, weil es ja ein Meme ist, also kulturell hegemonial wurde, ohne dass es hinterfragt werden muss …

Meme Nr. 2: Weiterbildung ist nicht nur etwas für (Langzeit-)Arbeitslose

Neben den in Meme Nr. 1 angeführten (armen) Kindern wird als weiterer Adressat DER Bildung gerne das Segment der Langzeitarbeitslosen adressiert. Kaum eine andere gesellschaftliche Gruppe wird in Sonntagsreden so oft mit beglückenden Angeboten bedacht – zum Glück meist nur verbal, manchmal aber auch mit fatalen praktischen Konsequenzen (Hartz IV, sozialer Arbeitsmarkt o.ä.).

Die Langzeitarbeitslosen sind seit jeher ein Menetekel für die Industriegesellschaft, ein Dorn für die durch abhängige Erwerbsarbeit sich stetig verausgabende Leistungsgesellschaft, wenn Menschen ohne Erwerbsarbeit auch noch soziale Leistungen erhalten. Geld gegen Erwerbsarbeit – so lautet das Meme seit der Bismark‘schen Sozialgesetzgebung. Der nationale Industrieladen muss brummen. Dafür werden keine Kosten und Mühen gescheut und die Menschen stormlinienförmig zugerichtet. (Siehe hier dazu meine Ausführungen.)

Wer dennoch staatliche “Alimente” erhält, hat dem Staat als Diener zur Verfügung zu stehen. Mit Haut und Haaren. Egal, wie sinnvoll das alles ist. Und wenn sich noch so sehr die Umstände ändern, wir bleiben einfach bei unserer Argumentation aus dem 19. Jahrhundert: Wer nicht arbeitet, hat keine Ansprüche – schliesslich arbeiten andere auch für ihr Geld.

  • Dass wir derweil über die Zukunft der Arbeit bzw. den Umbau der Arbeitsgesellschaft in ein Mensch-Maschine-Zeitalter sprechen: Geschenkt!
  • Dass dieses Meme jeden Erwerbstätigen davon befreit, selbst aktiv zu werden, sich aktiv weiterzubilden und die bestmöglichen Voraussetzungen für das Mensch-Maschine-Zeitalter zu schaffen: Das ist der eigentliche Skandal. Denn wer geht schon ein Risiko ein, dass ihn/sie vielleicht in die Nähe des Abgrunds bringen könnte, wenn man doch schön gemächlich und angepasst weiter seinem Job nachgehen könnte?!

Die Selbstgefälligkeit der im Normalarbeitsverhältnis abgesicherten und mächtigen Personen ist das Kernproblem unserer aktuellen Gesellschaft! Und, je abgesicherter (pensioniert, in Entscheidungsposition), desto unwilliger, sich zu bewegen. Meistens zumindest. Auch hier: Ausnahmen bestätigen die Regel. Der Fisch fängt am Kopf zu stinken an. Genau dieses können wir derzeit in unserer hierarchischen Gesellschaft gut beobachten. Da ist nichts im Fluss. Leider. Und genau dort müssten die Überlegungen für eine zeitgemässe Weiterbildung ansetzen. Auch auf die Gefahr hin, dass im Transformationsprozess genau diese Stellen abgebaut werden müssten. Immerhin: Mit ordentlicher Abfindung. Egal, sei es ihnen gegönnt.

Aber was machen wir mit den Langzeitarbeitslosen? Das wird die Frage sein, die euch all diejenigen stellen, die eigentlich gar nichts verändern wollen. So überhaupt gar nichts. Erst recht nicht am Bildungssystem …

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2 Comments

  1. Bernd

    Bravo. Endlich mal jemand, der gesellschaftliche Entwicklungen beim Namen nennt. Ich fuerchte nur, dass die genau die Gruppe der Ausgeschlossenen von der neuen, informell zu erwerbenden Bildung jenseits der Institutionen nicht erreicht wird. Wie eroeffnen wir dieser Gruppe Chancen? Was tritt an die Stelle der genormten Bildungsabschluesse, die natuerlich die Unterprivilegierten in der alten Zeit geschuetzt haben?
    Jeremy Rifkin hat ja festgestellt, dass ‘Zugang’ das Kapital ist, dass diese Gruppe nicht hat – und dass fuer Selbstorganisation, Netzwerken usw entscheidend ist . Mir fallen viele Probleme ein, aber noch wenige Loesungen …

  2. Anja C. Wagner

    Aber Aufstieg durch Bildung ist doch gerade in Deutschland nicht gegeben. Okay, bis zur Mittelschicht konnte man es mit Fleiß und Anpassung bringen. Aber in die eigentlichen Machtstrukturen kamen /kommen “Unterprivilegierte” doch gar nicht rein. Dafür wird doch D regelmäßig abgemahnt. Die Kapitalfrage könnte man z.B. mit einem bedingungslosen Lernguthaben etwas abfangen – wir hatten dazu schon Vorschläge eingebracht. https://flowcampus.com/allgemein/belgut-das-bedingungslose-lernguthaben/ – und darüber hinaus braucht es vielfältige infrastrukturelle Maßnahmen, das Bildungssystem von den Menschen aus zu denken und nicht von den Institutionen aus. Darüber schreiben wir auch in unserem aktuellen Buch: https://flowcampus.com/course/buildung40-ebook/

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