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Bildungspolitische Memes – ein Dauerbrenner (Teil 3/N)

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Viele der hier vorgestellten Meme sind Überbleibsel aus der Zeit der Industriegesellschaft. Wir hatten unsere Gesellschaft gut auf die Bedürfnisse des 20. Jahrhunderts eingestellt und entsprechend institutionell abgesichert. Nun, da sich alte Gewissheiten überlebt haben, müsste man eben auch die zugrunde liegenden Meme ad acta legen. Das erwarte ich zumindest von fortschrittlich denkenden Menschen …

Meme Nr. 3: Es gibt keinen „Zugang zu Bildung“

Dieses Meme entstammt einer alten Zeit, als man mit dem Zugriff auf Wissen, das historisch in “gelehrten” Köpfen oder Büchern steckte, sich selbst eine Scheibe davon “abschneiden” wollte.

Es war das Streben nach dem “Bild Gottes”, dem Gelehrte nachspüren durften – sei es durch den Adel oder die Kirche subventioniert. Und daran wollten und sollten zunehmend breitere Gesellschaftsschichten teilhaben – erst Recht mit dem Aufkommen der Industrialisierung. Sie wollten an das Wissen der Gelehrten ran, die ihre eigenen Wertschöpfungsketten geschaffen und damit ihre Macht zementiert hatten. Daher kommt das Mißverständnis, dass Bildung gleichzusetzen sei mit Wissen.

Sicherlich, es war und ist ein gewaltiger, emanzipatorischer Akt, dieses “Recht auf vorhandenes Wissen” für die breite Bevölkerung durchzusetzen, das Wissen zugänglich zu machen, das von gesellschaftlich privilegierten Menschen angereichert wurde.

Der Kampf begann in der Aufklärung und schlägt sich bis heute in den Kämpfen um das Urheberrecht und die kapitalistische Ausbeutung des “Wissens” nieder. Wem “gehört” das Wissen, das man ggf. gar patentieren kann?! Das ist die entscheidende Frage, um dieses informelle Gut als geistiges Eigentum in Wertschöpfungsprozesse zu überführen.

Nur …

In der heutigen vernetzten Wissensgesellschaft, in der aktuelles Wissen im ständigen Loop neu konfiguriert, sozial ausgetauscht und auch technologisch angereichert wird, kann es keinen “Zugang zu Bildung” mehr geben.

Was soll das sein? Ein Zugriff auf einen Status Quo an Wissen, wie er von einem Menschen oder einem Netzwerk zu einem bestimmten Zeitpunkt zusammen geführt wurde? Ein Kanon gar, auf den man zugreifen kann über den Zugang zu einem Kurs, einem Buch oder einer Zeitschrift?

Ganz abgesehen also davon, dass Wissensvermittlung nicht identisch ist mit Bildung, kann es demnach auch keinen “Zugang zu Wissen” geben, da dieses fliessend ist. Immerfort fliessend, durch die Köpfe, die Maschinen, die künstliche Intelligenz.

Ausser in dem Sinne, als Menschen und gut funktionierende Technologien über die digitalen Netzwerke ethisch vertretbar zusammen gebracht werden müssen, um dieses Wissen in den Kreislauf zu bringen, braucht es keinen “Zugang”. Nur dort in den Netzwerken wird es sich verbinden, vermehren, maschinell angereichert und diskursiv bewertet werden können.

Zugang zu Wissen bedeutet also Zugang zum Netz – und die Notwendigkeit, z.B. Forschungsergebnisse in das Netz offen einzuspeisen bzw. gleich im Austausch mit allen interessierten Wissensarbeiter*innen zu generieren.

Wissenschaft als Netzwerkknoten zu begreifen – das wäre ein wichtiger Schritt im Sinne eines “Zugangs zu Bildung”. Aber dem steht das Patent- und Urheberrecht als kompetitives Elixier der Produktentwicklung im kapitalistischen System gegenüber. Genau dort entsteht die Spannung, die wir aushalten und im Wettstreit um die besten Ideen überwinden müssen. Aber mit klasssichem “Zugang zu Bildung” hat das nichts mehr gemein.

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