Input

Bildungspolitische Memes – ein Dauerbrenner (Teil 4/N)

Zum Verständnis
Ein beliebtes Modell, wie bildungspolitische Meme entstehen, ist, dass Personen des öffentlichen Lebens einen populistischen Slogan in die Talkshows werfen und dies dann beglückend von den Stakeholdern aufgegriffen wird, die davon am meisten profitieren – oder meinen zu profitieren. DIE Bildung eignet sich für solche Zwecke immer gut, denn davon verstehen wir doch alle etwas, oder? Und über “digitale Bildung” vermag eh jede/r zu sprechen, der sich selbst als digital kompetent versteht. Schliesslich sind die Nerds doch die Zukunft, so heisst es …

Meme Nr. 4: Die armen Schwachen brauchen keine digitale Volksbildung

Derzeit erheben sich einige Personengruppen, wieder neu zu definieren, was man heute wissen muss oder wie man sich zu verhalten habe – und lassen dann pädagogische Angebote oder Szenarien entwickeln, um es den Personen, die dieses Knowhow vermeintlich nicht haben, nahezubringen oder “beizubringen”.

  • Natürlich öffentlich finanziert.
  • Natürlich mit gestaffelten Zertifikaten, an deren Erwerb dann später bestimmte Gratifikationen geknüpft sind.
  • Natürlich möglichst an oder mit der eigenen Institution, denn schliesslich gibt es sie ja nun schon, dann kann man sie doch auch sinnvoll nutzen?!

Dass diese ganzen “Schwachen” schon lange auf ihre Art digital kompetent unterwegs sind, sie selbstverständlich WhatsApp, Facebook und YouTube für ihre Zwecke nutzen, das wird dabei völlig ignoriert. Oft auch, weil die vermeintlich Wissenden dies, falls überhaupt, lediglich für private Zwecke nutzen. Das ist doch nicht euer Ernst, dies als Kompetenz zu definieren! Dazu braucht es mehr Wissen, am besten UNSER Wissen. Und das will man der Bevölkerung gefälligst auch beibringen. Die guten Netz-Technologien lauten nämlich Blogs, RSS, vielleicht noch Twitter oder Signal. Möglichst Open Source. Möglichst auf deutschen Servern liegend. Alles andere ist #bäh.

Das Ganze getarnt als “Medienkompetenz”-Vermittlung, per Curriculum definiert und top-down ausgeschüttet: Diese ganzen kommerziellen Datenkraken wollen nichts anderes als eure Daten, weil dies die neuen Goldminen sind. Also Achtung! Kommt in unsere Kurse – wir bringen euch das dann bei! Wir wollen nur euer Bestes!

Kleiner Exkurs

Um euch gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen:

  • Ja, Open Source ist grundsätzlich toll und gut. Und ich nutze das alles selbst sehr gerne. Aber es ist nicht die Lösung für alles. Die populären digitalen Dienste sind nicht umsonst so beliebt: Sie verstehen nämlich dort etwas von User Experience – und sie sind schnell und agil in der Umsetzung, vor dem Hintergrund gravierender Kapitalflüsse. Sie lernen sehr schnell, was Menschen gefällt und was nicht. Da hat das Open-Source-System als solches einfach ein Nachsehen. Es hinkt zwangsläufig immer hinterher … (siehe hier mein Video zur E-Government-Problematik)
  • Und ja, wir brauchen effektive wie effiziente Datenschutz-Regelungen – möglichst international ratifiziert. Hier wäre Bildungspolitik auf globalem Niveau gefordert.
  • Und ja, das Thema gehört in das Aufgabengebiet des UN-Sicherheitsrates!
  • Und ja: Ich kenne die Problematik rund um die Gestaltung internationaler Politik per Vereinte Nationen…

Machen wir weiter

Was genau spricht denn nun genau gegen “digitale Volksbildung”?

Einen definierten Kanon womöglich noch, öffentlich sanktioniert und verwaltungsrechtlich abgesichert? Obwohl wir wissen, dass wir heutzutage alles andere benötigen als einen Kanon?

Stattdessen bräuchten wir eine Vielzahl an kritischen, kreativen, kommunikativen wie kollaborativ wirkenden Stimmen. Nicht um die anderen von der eigenen Meinung zu überzeugen, sondern um aktiv vorzuleben, wie das geht mit den 4Ks. Mit Spass und Lust am gemeinsamen Tun.

Das Problem, warum es in dieser Gesellschaft mit “der Digitalisierung” nicht voran geht, ist doch ein anderes: Wir haben es mit zu vielen satten Stakeholdern auf alten Positionen zu tun, die gar nichts verändern wollen, weil sie persönlich nichts verändern müssen, da es ihnen gut geht. Das ist das zentrale Problem! Es ist ein sozio-kulturelles Problem, nicht eines der fehlenden Skills. Für die WhatsApp-Nutzung braucht ja auch niemand einen Kurs. Gut, da macht man halt mal einen Fehler – so what? Daraus lernen und weitermachen…

Aber gegen den sozio-kulturellen Stillstand, den wir in Deutschland gerade erfahren, da nützt auch jedwedes formales oder non-formales Bildungsangebot nüscht. Das ist doch pillepalle zu glauben, über den rationalen Verstand würden Menschen eine Veränderungsdynamik entfachen, wenn sie doch in der gleichen Zeit ihren Urlaub planen oder auf den Fußballplatz gehen können.

Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.

- Bertold Brecht

Insofern ist “digitale Volksbildung” aus meiner Sicht komplett altes Denken! Und populistisch obendrauf, weil sich jedwede/r mit ein bisserl digitaler Kompetenz auf der guten Seite meint zu befinden – und DIE ANDEREN zu beglücken sind. Vergleichbar mit dem Argument, dass wir uns vor allem um die Langzeitarbeitslosen kümmern müssen (siehe Meme Nr. 2).

Okay, was dann?

Es ist vielmehr das Problem der alten Stakeholder im Bildungsbetrieb, sich nicht dort in den sozialen Netzwerken zu bewegen, wo die Menschen schon lange unterwegs sind. Weil man pikiert ist, dass die eigene Relevanz gelitten hat. Man ahnt es ja schon lange, dass die Zukunft sich nicht im eigenen Haus einfinden wird. Sondern sich bereits andernorts vielfältig entfaltet. Aber dort will man selbst nicht arbeiten, weil die alten Cash Cows eben andere waren – und die Leute ins eigene Haus gelotst werden müssen, damit die Kühe grasen können…

Und so werden eben keine attraktiven Angebote für die Kanäle entwickelt, wozu auch, verdient man damit ja derzeit kein Geld. Ach, da halten sich die vermeintlich Schwachen auf? Selbst schuld – sollen sie doch zu uns kommen.

Woran es also fehlt, ist es, viel sozio-kultureller zu denken als im alten Kaufmannsladen-Stil. Sich völlig selbstverständlich auch dort zu bewegen, wo all die anderen unterwegs sind. Nicht um sie von der eigenen, womöglich besseren Meinung zu überzeugen. Sondern um dort selbstverständlich zu leben und zu wirken – eben Gesellschaft aktiv mitzugestalten und soziale Räume zu teilen.

Wie man damit Geld verdient wüsste ich auch gerne, aber es scheint mir der einzig sinnvolle Weg zu sein. Erhebt euch nicht, sondern schwimmt dort in den Gewässern mit, in denen Menschen bereits aktiv sind! Das wäre meine Empfehlung. In diesem Sinne: Frohe Ostern!

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1 Comment

  1. ununitv

    Die Diskussion dazu lief dann auf dem Blog von Joachim Sucker: https://allesauszucker.wordpress.com/2018/04/03/was-ist-digitale-volksbildung/

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