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Politische Rahmenbedingungen für erfolgreiches Lernen

Letzten Dienstag durfte ich mit Oliver Janoschka vom Hochschulforum Digitalisierung des Stifterverbandes ein Gespräch bei e.teaching.org führen, das aufgezeichnet auf deren Website zur Ansicht bereit steht.

Mein Impulsvortrag (in der Aufzeichnung ab der 36. Minute) basierte auf einer ganzen Reihe von Folien, die hier zur konzentrierten Ansicht zur Verfügung stehen.

Natürlich war wie immer viel zu wenig Zeit, um das Ganze dann ordentlich zu diskutieren. Wir möchten das i-r-g-e-n-d-w-a-n-n nachholen, darüber waren wir uns anschliessend einig.

Über verschiedene Kanäle habe ich, meist auf persönlicher Ebene, Feedback bekommen. Schade, dass wir es weiterhin nicht schaffen, hybridere Formate zu fahren. Impuls ist gut und schön, der Diskurs könnte ja heutzutage auch gut asnychron statt finden. (Oder umgekehrt.) Hat dennoch Spass gemacht – und ein Anfang ist gemacht! Danke dafür!!

Den Anmerkungen von Andreas….

… möchte ich insofern begegnen, dass neben der verfügbaren, kurzen Zeit es auf der Meta-Ebene immer notwendig ist, etwas schematisch zu argumentieren, wenn man am grossen Rad drehen will, statt im Micromanagement sich zu verfangen. Für viele Ohren klingt das zu oberflächlich, es ist aber erforderlich, um die großen Linien aufzuzeigen. Hier zugegeben sehr provokant! Aber mit einem harten Kern an Wahrheit #IMHO 😉

Und ja, oben findet man die Folien – lasst uns gerne sehr diskursiv uns austauschen. Ich bin gespannt!

UPDATE 22. Januar 2018

Weil es m.E. hier gut passt …

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10 Comments

  1. Andreas Wittke

    Erst einmal herzlichen Glückwunsch zu dem guten Vortrag. Ich bin hin- und hergerissen zwischen den guten Herleitungen der drei Schichten (Folie 11-17) und den sehr interessanten Aussagen ab Folie 29. Ich bin völlig der gleichen Ansicht, dass die klassischen Bildungsinstitute die Bildungshoheit verloren haben und die erste Adresse das Netz ist. Ich werde jedoch nervös, bei der pauschalen Aussage, dass Hochschulen nichts innovatives mehr hervorbringen. Es gibt hunderte von Beispielen, wo Professoren zu Straßenbau, Medizin, Wärmedämmung und Künstlicher Intelligenz wirklich Innovation in die Gesellschaft/Industrie gebracht haben. Auch die Technologietransfer-Zentren sind Erfolgsmodelle. Ich weiss auch, dass es inzwischen jede Menge Entrepreneurship Accelerators gibt und auch FabLabs und andere Einrichtungen. Es tut sich also ne Menge im Hochschulumfeld.
    Daran schliesst sich mein Hauptkritikpunkt an, denn es wird Kritik ohne Lösung geübt. Den einzigen Lösungsansatz war, dass Mittel auch an die Menge der Teilnehmer gekoppelt sein sollten. Das ist aber längst umgesetzt sowohl bei Weiterbildungsprojekten, als auch bei neuen Studiengängen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass egal was Hochschulen machen, es ist immer falsch sein muss. Ich seh auch nicht die Aussage bestätigt, das systembedingt Hochschulen langsam wären, weil dort höchsten 10-20% motivierte Leute arbeiten. Ich hab jetzt in Dutzenden evtl. sogar hunderten Projekten in ganz Europa gearbeitet und unmotivierte Leute hab ich fast gar nicht wahrgenommen. Vor 15-20 Jahren hätte ich was anderes gesagt, aber es kann auch sein, dass ich in einer Filterblase lebe. Das ist mir zu pauschal, das gleiche gilt für das HfD Umfeld. Wenn es dort heisst, das sind immer die gleichen, dann müssen Alternativen genannt werden. Gerade im HfD Umfeld seh ich hier starke Fortschritte. Hier werden Projekte aus EdTech, der KI, aus dem Ausland vorgestellt und Netzwerke gegründet. Das ist weit über dem Tellerrand hinaus, wie noch vor fünf Jahren. Entweder sind die Kritiken hier zu pauschal oder gestrig und wie gesagt, wie soll es denn besser gemacht werden? Soll das BMBF plötzlich Unis auflösen und die Bildung durch eine Mischung aus Bots, OER-Videos und Fablabs ersetzen?

  2. Anja C. Wagner

    Danke, Andreas. Kurz vorab, bevor ich am Weekend ausführlicher antworte: Ich mache eine deutliche Trennung zwischen Forschung und Lehre. Natürlich kommen aus der Forschung auch innovative Verfahren. An erfolgreichen Innovationen aus D wird aber weiterhin der (bislang eingestellte) MP3-Standard genannt … das spricht Bände.

    Worum es mir geht, ist das antiquierte System der LEHRE, auch wenn das Marketing-Label „MOOC“ oder „OER“ oder „FLIPPED CLASSROOM“ drauf steht, wofür viele eintreten, weil es da gerade Fördermittel gibt …

    Zu den Alternativen muss ich meinen Kram etwas zusammen tragen und entsprechend verweisen. Ich habe dazu ja in den letzten Jahren einiges produziert. (Bis dahin könnte man auch unser B(u)ildung 4.0-Buch lesen 😉 – da steht schon einiges an ersten Ansätzen drin.)

    Es geht um einen grundsätzlichen Perspektivwechsel: Weg von einem „Wie können wir die bestehenden Institutionen (mit 16.000 Studiengängen) retten?“ hin zu einem „Wie können wir ALLE intrinisch motivierten Change-Maker unterstützen – und wie schaffen wir Bedingungen, um MEHR tatsächliche Change-Maker zu produzieren?“

  3. Ralf Hilgenstock

    Danke Anja. Ich bin erst einmal hängen gebleiben an den Folien zu Sozialen Netzwerken. Habe ich es richtig verstanden, dass das in D. am zweithäufigsten genutzte Netzwerk Odnoklassniki ist? Zu meiner Schande muss ich gestehen davon hier zum ersten mal gehört zu haben.
    Macht das vielleicht deutlich, dass wir hier eine starke Parallelgesellschaft haben.

    1. Anja C. Wagner

      Ja, das ist immer mein Kalauer in den Vorträgen. Allerdings habe ich diese Statistik noch nie zu verifizieren versucht, was aber getan werden müsste. Ich finde weniger die Parallelgesellschaft interessant, als eher bezeichnend, wie wenig die Deutschen offenbar in den sozialen Netzwerken unterwegs sind. FB ja, YouTube auch (das wird hier nicht gemessen), aber der Rest: Keine massive Beteiligung. Der deutsche tummelt sich lieber in den Messenger-Diensten rum – dort kann man das SMS-Phänomen wieder auferstehen lassen … 😉 (Meine Interpretation!)

  4. Anja C. Wagner

    Jetzt will ich nochmals auf Andreas‘ Kommentar eingehen.

    In der Session ging es ja um politische Rahmungen für „erfolgreiches Lernen“. Dass wir bei der Frage wieder ausschliesslich bei Hochschulen landen, ist bezeichnend genug. Dass du deine Kolleg*innen hier so heldenhaft verteidigst, ehrt dich.

    Ich bin ja nun auch schon eine Weile in diesem Business unterwegs. Genau genommen mehr als 2 Dekaden. Auch habe ich sowohl persönlich als auch durch meinen Freundes-, Bekannten- und Netzwerkkreis jede Menge Einblicke in die Aktivitäten von Hochschulen und dem ganzen Drumherum gewinnen dürfen. Und lass mich dir versichern: Du lebst in einer Blase!

    Frage mal ausserhalb deiner Blase, wer sich beruflich in den sozialen Netzwerken bewegt. Frage, wer sich ohne Bildungsurlaub eine persönliche Lern- und Arbeitsumgebung aufgebaut hat. Frage, wer sich proaktiv mit neuen Sozio-Technologien beschäftigt und neugierig beobachtet, was da demnächst auf uns zukommt. Oder diese einfach für die persönliche Weiterentwicklung konstruktiv nutzt.

    Das Erschreckende ist: Die Wenigsten machen das. Und noch erschreckender: Nicht einmal diejenigen, die sich anmaßen, andere „belehren“ zu wollen, tun das. Das ist maximale Unprofessionalität. Und je tiefer diese Menschen im Bildungsestablishment drin stecken, desto weniger Interesse haben sie daran. Sie bewegen sich erst ein paar Millimeter, wenn es Fördergelder dafür gibt. Dann sind sie auf einmal da, bringen ihre geübte Antragsprosa ein – und wenn das Projekt akquiriert ist, ist das Thema auch schon wieder erledigt. Keine Ambition, kein Interesse an der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, kein Versuch, irgendetwas Strukturelles zu verändern. Du siehst es in den Augen: Sie sind leblos, interessenlos, ohne Ziel.

    Klar, sie sind beflissen, wenn es darum geht, einen Jobauftrag zu erledigen. Aber nur soviel, dass es nicht auffällt, wie wenig Interesse sie am progressiven Weltverlauf haben. Gut, das ist pauschal, aber ich fürchte, damit sind 80% der Menschheit gut umschrieben. Und mindestens so viele dümpeln auch in den Hochschulen rum. Sie haben keine Haltung. Dabei bleibe ich. Das liegt an verschiedenen Faktoren, v.a. vielfältigen systemischen Problemfeldern wie diese ganzen internen Fürstentümer, Eitelkeiten und Hierarchien. Aber auch an den falschen Anreizsystemen, wer am Schluss in diesen Systemen landet. Und jeder kann sich selbst fragen und sein Umfeld beobachten, ob diese erfahrungsgesättigte Pi-mal-Daumen-Einschätzung stimmt.

    So, jetzt fragst du, was das BMBF tun soll?! Da geht’s schon los. Warum immer auf das BMBF warten? Dort sitzen ja ähnlich gestrickte Menschen. Vielleicht braucht es gar kein BMBF mehr, genauso wenig wie es ein Digitalministerium braucht oder ein Wirtschaftsministerium usw., weil das alles Querschnittsthemen sind. Vielleicht müsste man auch diesen ganzen Policy-Betrieb anders aufziehen. Nein, nicht nur vielleicht: Ganz bestimmt müsste man das, das sehen wir ja tagesaktuell gerade hautnah.

    Aber sag mir: Warum ist es gerade in der Hochschullandschaft so verpönt, einmal quer, neu, transformativ zu denken? Warum ist es nicht möglich, ganz nüchtern und vor allem kreativ zu überlegen, wie man das vorhandene, volkswirtschaftliche Budget vielleicht sinnvoller, effizienter, aber auch effektiver einsetzen könnte?! Statt es immer nur in die bewährten Kanäle massenweise zu kippen.

    Weil: Ausserhalb der Hochschulmauern existieren ja auch überall diese 20% der Menschen, die etwas bewegen wollen und es oftmals aus eigenem Antrieb heraus, ohne die Fördermittel-Möhre, auch einfach tun. Massenweise gibt es sie sogar. Auch und vor allem im informellen Bildungsbereich. Sie gründen Initiativen, Hackerspaces, Makerspaces, Werkstätten, Vereine usw. usf. – und bieten so eine leicht zugängliche Infrastruktur für Leute an, die wirklich etwas Neues lernen oder die Welt verändern wollen. Sie organisieren sich dezentral, sammeln vielleicht Gelder per Crowdfunding ein oder übernehmen Auftragsarbeiten, um sich quer zu finanzieren. Dort, in diesem vielfältig vernetzten, globalen Sumpf entstehen die wirklichen Bildungsinnovationen – nicht in den Hochschulen. Alles kommt von dort, aus dieser Zivilgesellschaft oder später dann auch (manchmal) von StartUps. Nie, aber auch wirklich NIE, aus dem Bildungsestablishment. Sie rennen immer hinterher, wehren sich erst, bis sie dann ggf. gezwungen werden, wenn der Druck aus der Zivilgesellschaft zu gross wird.

    So, und jetzt können wir darüber reden, wie man dieses Innovative, was es ja bereits gibt, besser fördern könnte. Weil wir brauchen Innovationen, v.a. Sozial-Innovationen angesichts der globalen Herausforderungen. Und da sprechen wir in unserem E-Book oder auch hier in unserem Blog von vielfältigen infrastrukturellen Begleitmöglichkeiten, wie man diese Initiativen, intrinsisch motivierten Menschen, aber auch KMU besser unterstützen könnte, so dass sie ihre Arbeit weiter professionalisieren könnten.

    Eine Möglichkeit wäre so etwas wie das bedingungslose Lernguthaben (BELGUT). Die Umkehr der Geldervergabe, wie im BELGUT formuliert, existiert so noch nicht, da meinst du etwas anderes. Es geht darum, im Kopf klar zu kriegen, dass es nicht mehr darum geht, Angebote zu schaffen, bei denen irgendwelche Bürokraten-Menschen denken, das könnte die Menschheit gebrauchen. Sondern die Angebote an die Nachfrage zu koppeln, sie erst dann zu generieren, wenn genügend Menschen sagen: Ja, das hätten wir gerne und dafür sind wir bereit, unser knappes Gut BELGUT dafür auszugeben. Das ist eine Umkehr des Vergabeprinzips und würde jede Menge unsinnige Entwicklungen vorbeugen helfen.

    Oder Bob, der Job-Coach, ging ja jetzt zufällig grad durch die Presse (http://www.zeit.de/wirtschaft/2018-01/bundesagentur-arbeit-zukunft-ruecklagen). Auch da geht es darum, dass man die Arbeitsmarktdaten, Qualifikationen anderer und das eigene Jobprofil selbst über eine Software im Überblick hat, um zu sehen, was sich aktuell am Arbeitsmarkt tut, wohin man sich entwickeln könnte und welche Fortbildungsangebote es am Markt gibt. Das ist insofern grandios, als so jeder selbst das Steuer plötzlich in der Hand hält und sich selbst überlegen kann, in welche Richtung man sich bewegen kann. Man muss da nicht mehr zu einem Berater laufen o.ä.

    Das sind zwei unserer Beispiele aus unserem B(u)ildung 4.0-Buch. Beide deuten eine Umkehr im Denken an. Wir glauben an die kollektive Intelligenz der Menschen und haben Vertrauen darein, dass diese das sinnvoll für sich und im Großen und Ganzen auch für die Gesellschaft einsetzen. Statt diesem „old fashioned“ Top-Down-Denken in den etablierten Bildungsinstitutionen, die meinen, nur weil sie das ganze Geld bekommen, sie wären innovativ. Sind sie nicht. Meilenweit entfernt. Es gibt tausende andere Initiativen, die innovativer sind. Nur sieht man diese kaum, weil sie nicht organisiert sind. Auch mangels Geld. Und hier sehe ich eine Aufgabe auch des Staates, daran etwas zu ändern. Im eigenen Interesse.

    Soweit für heute. Weiss nicht, ob das deutlicher geworden ist?!

    1. Martin Lindner

      +1

  5. Dörte Stahl

    Auch wenn ich kaum mit Hochschulbildung zu tun habe sondern mich in anderen Bereichen der beruflichen Erwachsenenbildung / Weiterbildung tummle, möchte ich doch meine Gedanken zur Diskussion loswerden. Danke Andreas Wittke für den Diskussionsanstoß und die guten Fragen und Danke Anja C. Wagner für die Klärung (es geht um Lehre nicht um Forschung) und ausführliche Erklärung.

    Zu lang geworden, hier die Zusammenfassung: Bildungsangebote konsequent an Bildungsbedürfnissen und Bedarfen der Menschen ausrichten, dafür zeitgemäße Mittel und Methoden einsetzen. Bedingungsloses Lernguthaben kann die Angebotslandschaft in der Weiterbildung verändern und zu mehr „Bildungsbewusstsein“ führen. Hochschulen und Bildungsinstitutionen werden nicht überflüssig, wenn sie sich als Teil einer lernenden Gesellschaft und digitalisierten Volkswirtschaft verstehen. Nein, Hochschulen machen nicht alles falsch.
    —-
    Die Mittel, die Teilnehmenden und der ganze Rest

    Der Unterschied zwischen „Mittel an die Menge der Teilnehmende koppeln“ und „Mittel an Menschen koppeln“ ist fundamental. Klar werden heute, nicht nur im Hochschulbereich, Mittel an die Zahl der Teilnehmenden gebunden. Das kann dazu führen, dass unzeitgemäße / nutzlose Bildungsangeboten weniger werden. Es kann aber auch bedeuten, dass mein persönliches Bildungsinteresse nur dann befriedigt werden kann, wenn sich genügend andere finden, die das gleiche Interesse haben. Das Problem ließe sich durch mehr Online-Angebote und durch ein Auffinden dieser Angebote lösen (eine gute zentrale Weiterbildungs-Datenbank wäre ja schon mal ein Fortschritt).

    Es bleibt aber das Problem: Als bildungswilliger Mensch bin ich auf die Angebote der Anbieter angewiesen. Und je nach Art des Bildungsangebots muss ich mich auch durch Sequenzen des Angebots durchhangeln, die ich vielleicht schon kenne oder die für mich schlicht uninteressant sind (zumindest, wenn ich einen Nachweis über meine Teilnahme erhalten möchte). Und ich muss da durch, weil irgendein Angebotsentwickler (der meine Lebenssituation, meinen Bildungsstand, meinen Kenntnisstand … nicht kennt) meint, das muss ich jetzt / das ist nötig.

    Ein bedingungsloses Lernguthaben kann die ganze Weiterbildungsangebotslandschaft verändern. Denn wenn (ein größerer) Teil des Geldes von denen kommt, die sich bilden möchten, dann kommen Institutionen kaum mehr umhin, diesen Menschen „zuzuhören“. Dann (glaube ich …. wer weiß …) kann es passieren, dass Institutionen nicht mehr nur evaluieren und Qualitätssicherung betreiben sondern auch kundengerechte Angebote entwickeln – und zwar mit den Mitteln, mit denen Unternehmen heute arbeiten. Und das sind mehr und andere Methoden als gelegentliche Umfragen und auswertbare Nachfragen. Die ganze Erwachsenen-Bildungslandschaft hat u.a. dieses Problem: Wir wissen nicht, was die Leute wirklich brauchen. Es werden viel zu wenige Daten erhoben und analysiert – in Zyklen und auch nach längerem Abschluss eines Angebots – und die Daten, die vorhanden sind, werden nicht entsprechend ausgewertet (die behält jede Institution gerne für sich). Was BigData da alles Sinnvolles voranbringen könnte … Alle Bildungseinrichtungen haben Kontaktdaten von bildungswillingen Menschen, nutzt diese Schätze für die Menschen.

    Allerdings glaube ich im Gegensatz zu Anja nicht, dass es in der Breite funktionieren wird, Angebote „erst dann zu generieren, wenn genügend Menschen sagen: Ja, das hätten wir gerne und dafür sind wir bereit, unser knappes Gut BELGUT dafür auszugeben“. Weil: 1. vielen Menschen die Zeit fehlt, das präzise genug zu formulieren 2. nicht alle Menschen gut abschätzen können, was sie gerne hätten / was sie in ihrer Lebenssituation brauchen.
    Aber ein Lernguthaben kann dazu führen, dass Bildungsangebote anders sind. Ein „Bildungsangebot“ kann dann vielleicht mal eine Idee sein, die man anbietet und nicht ein fertiges Paket mit Curriculum, Stoff- und Stundenplan und allem Pipapo (solche Pakete wird es weiter geben, denn – so zumindest meine Erfahrung – viele Menschen mögen sehr strukturierte Lernangebote). Vielleicht werden die Pakete kleiner (Einzelmodule) und ich kann die Module an unterschiedlichen Einrichtungen absolvieren. Als Bildungsteilnehmende bin nicht dann mehr an eine Institution gebunden sondern an Bildungsmodule (die zu Abschlüssen führen können – oder auch nicht).

    Darüber hinaus würde ein BELGUT zu einem Bewusstsein führen, das Bildung / Weiterbildung unerlässliche Notwendigkeiten in einer digitalen Gesellschaft / Volkswirtschaft sind. An diesem Bewusstsein scheint es mir (auch bei Akademikern) zu fehlen. Aber das brauchen wir; dingend.

    Sollen wir jetzt aufgelöst werden?

    Hui, da treffen sich Hochschulängste mit denen von Bildungsvereinen, Stiftungen, Volkshochschulen (und ich weiß, dass so ein in-einen-Topf-geworfen-werden für Hochschulen ein Grauen ist; hilft aber nix, es ist so). Nein, die Bildungsinstitutionen sollen und müssen nicht aufgelöst werden. Sie müssen sich „nur“ verändern.
    Sie sollen:

    – sich als ein offener Teil einer lernenden Gesellschaft verstehen. Hochschulen zementieren ja die Undurchlässigkeit des deutschen Bildungssystems (akademischer Abschluss und Weiterbildungszertifikat; wer „nur“ Weiterbildungszertifikate hat, hat kaum Möglichkeiten einen akademischen Abschluss zu erlangen). Es ist nicht die Aufgabe von Hochschulen allein diese entwicklungshemmende, volkswirtschaftlich fatale Undurchlässigkeit des Bildungssystems aufzubrechen, nein Das ist Aufgabe aller gesellschaftlichen Akteure, insbesondere derer, die im Bildungsbereich aktiv sind. Das setzt natürlich voraus, dass man diese Undurchlässigkeit vom Tisch haben möchte. Und das sehe ich gerade im Bereich der Hochschulen (und Gymnasien) kaum (auch wenn hier und da daran gewerkelt wird, Fachhochschulen scheinen mir da weiter zu sein). Vielleicht fehlt mir da aber auch der Überblick über den Stand der internen Diskussionen und deren praktischen Umsetzung.

    – sich als Bestandteil einer digitalisierten Volkswirtschaft verstehen (da sind die Fachhochschulen nach meinem Eindruck auch schon besser dabei). Damit meine ich nicht, Hochschulangebote auf Bedarfe der Wirtschaft abzustimmen á la „In zwei Jahren brauchen wir Qualifikation XY, liefert das bis dahin“. Nein, sicher nicht. Ich meine damit eine Angebotsentwicklung, die den Bedürfnissen der Menschen entspricht (siehe oben). Zur geänderten Angebotsentwicklung gehört auch Verkürzung der Planungszyklen. (Und nebenbei: Volkswirtschaftlich relevant können viele Angebote sein: Vom klassischen Hochschulstudium über die Community-Manger-Weiterbildung, über Sprachen bis zum Entspannungskurs ist alles dabei. Natürlich sollen Hochschulen das nicht alles anbieten; ich will nur ausdrücken, dass Volkswirtschaft mehr meint – auch Kosten für das Gesundheitswesen – als Wirtschaft.)

    – sich digitalisieren: Neue / andere Lern- und Entwicklungsszenarien müssen institutionsintern ausprobiert und integriert werden. (Working out Loud, Makerspaces, BarCamps ….). Für alle Mitarbeitenden – nicht nur für das wissenschaftliche Personal, nein, auch Verwaltungsangestellte müssen von diesen Möglichkeiten profitieren können. Die Fachhochschule Lübeck ist da weit, gehört aber zu den von Anja beschriebenen 20%. Ganz, ganz viele Bildungsinstitutionen reden von Digitalisierung, sind aber 70% – 80% analog organisiert … das hat keine Zukunft. Wenn man möchte, dass wissenschaftliche Hochschulbildung Bestand und Bedeutung hat (und sogar ich – als Studienabbrecherin – finde das sie notwendiger Teil der Bildungslandschaft sein soll), dann geht’s nur so: Runter vom Sockel, rein ins agile, digitale Leben.

    ~ The End ~ Danke fürs Durchkämpfen

    1. Martin Lindner

      +1

  6. Andreas Wittke

    Liebe Anja,

    zuerst einmal vielen lieben Dank für diese sehr ausführliche Antwort und ich werde mir wahrscheinlich auch noch Euer Buch für den Urlaub holen. Ihr habt es bestimmt verdient 🙂
    Du hast sicherlich damit recht, dass ich in einer sehr schönen Filterblase lebe, aber das gilt wohl mehr oder weniger für jeden von uns. Das nur wenige das Netz effektiv für die eigene Nutzung nutzt ist wahr, ich erkläre das zwar immer an der Nielsen Studie (90-9-1) kommt aber mehr oder weniger das gleiche bei raus. Was mich jedoch daran interessiert, ob diese ganzen Bemühungen, an dem Verhältnis, von diesen intrinsisch Motivierten ändert, wenn wir all diese Bildungsmaßnahmen umsetzen. Ist es denn in Estland oder Finnland so viel besser? Geht Deutschland wirklich vor die Hunde? Hat uns Südkorea abgehängt?

    Das ich dir im großen Ganzen natürlich recht gebe, versteht sich von selbst. Meine Kommentare sind ja nur Nuancen von Kritik, die eher ein paar Aspekte zeigen sollen.

    Aber bei den Beispielen möchte auch wieder anmerken, dass allein durch ihre Existenz eigentlich bewiesen ist, dass das alte System ja doch funktioniert. Es könnte sein (man achte auf den Konjunktiv), dass der Staat natürlich nicht die Guten fördert, die eh selber gründen können oder es auch ohne Hilfe hinkriegen. Unsere Förderung ist natürlich für die, die wirklich Hilfe brauchen. Können diese denn wirklich ohne große Hilfe ihr BELGUT nutzen? Oder werden hier auch mal wieder nur die eh schon Guten, noch mehr gefördert?

    Das Internet hat sich leider bisher nicht gerade als demokratische Wundermaschine entpuppt. Anstatt Bildung und Aufklärung für alle haben wir Fakenews und Monopole bekommen. Das Netz wird leider nur von einer Elite vernünftig genutzt und die anderen werden noch weiter abgehängt. BELGUT und wahrscheinlich auch das bedingunngslose Grundeinkommen, wird diese Kluft eher ansteigen lassen. Die Menschen, die ihr Leben eigenständig steuern können, wird es noch besser gehen, die anderen werden mehr RTL2 schauen und Alkohol trinken.

    Da das bisher aber auch mehr oder weniger geschieht, muss das System überdacht werden. Ich habe da bisher auch keine Lösungen, ich seh es aber weit weniger kritisch als Du. Vielleicht habe ich auch einfach Glück oder einen gute Charaktereigenschaft, da ich seit Jahren nur noch mit Leuten zusammenarbeite, die auch Spaß an der Arbeit haben und sehr motiviert sind (Filterblase). Ist ja eher ein Luxusproblem 😉

    Liebe Grüße aus dem Norden
    Andreas

  7. […] – wobei ich ganz dezent auf die „13% of workers have passion“ hinweisen möchte, da ich davon vor einigen Tagen in Bezug auf das Bildungssystem auch sprach (als zentrales […]

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