Input

Wie die „Creative Network Society“ geordnet ist

Vorbemerkung
Vor einigen Jahren, genau genommen 2012, versuchte ich die Ergebnisse meiner UEBERflow-Diss (PDF) in halbwegs verständliche Sätze für die Allgemeinheit zu übersetzen.

Daraus entstand der FLOWSHOWER, ein kleines Buch und ein kleiner Online-Workspace, der weiterhin zugänglich ist, aber einer kleinen Renovierung bedürfte. Nicht dass die Inhalte überholt wären, aber an der ein oder anderen Stelle könnte man sicherlich noch das ein oder andere aktuelle Beispiel hinzufügen.

Da ich nunmehr auf Instagram das Jahr 2018 zum Jahr der Professionalisierung ausgerufen habe, kam mir wieder der FlowShower ins Bewusstsein und ich dachte: Das ist nun aktueller denn je!

Lange habe ich überlegt, welchem Motto das Jahr 2018 folgen sollte. Da wir an der Schnittstelle von Arbeit 4.0 und Bildung 4.0 unterwegs sind, kam mir immer wieder Professionalisierung in den Sinn. Sowohl persönlich als auch als Maxime an meine Umgebung, also auch euch und allen bislang unbekannten Personen oder Zusammenhängen im gesellschaftlichen Verbund. Ich denke oft, wir sind in den letzten Jahren nicht richtig mitgewachsen mit den vielfältigen Möglichkeiten, aber auch der Dynamik, die v.a. das Internet mit sich bringt. So richtig professionell sind eigentlich die wenigsten Menschen. Von den Workflows ganz zu schweigen. Wir müssen alle noch gewaltige Hausaufgaben machen, um es auch anderen einfacher zu machen, Schritt zu halten. Von daher denke ich, es wäre sinnvoll, nicht nur nach dem persönlichen ikigai zu suchen, sondern diese grössere Schnittmenge zwischen dem, worin man gut ist und dem, wofür man bezahlt wird oder werden kann, zu suchen und eben qualitativ zu professionalisieren. Das bedeutet, man muss etwas anbieten, was tatsächlich auf eine Nachfrage stösst. Wir bei FrolleinFlow nähern uns diesem Punkt auch erst langsam an. Aber immerhin: Wir nähern uns. Das ist doch schon mal was. Auf jeden Fall soll das Schlagwort „Professionalisierung“ mein Jahr leiten – und in dem Kontext sollte man auch unsere diversen Angebote verstehen. Ihr findet diese bei FlowCampus.com – ihr wisst schon … #flow40 #profession #professionalisierung #beruf #passion #geld #money #arbeit40 #bildung40 #flowcampus #photo #sketchnoting #linkedin #b(u)ildung40 #wissen #flow #motivation #21stcentury #inspiration #weiterbildung #ikigai

A post shared by Anja C. Wagner (@acwberlin) on

Mein Tipp …

Bevor man sich der Professionalisierung widmet, sollte man sich m.E. bewusst machen, in welcher Welt wir eigentlich leben und welche Zwänge auf uns einwirken. Von daher hier nun der Einstiegstext in den FlowShower, der bewusst kompromiert war, da ich mir ursprünglich 1.000 Wörter als maximalen Umfang überlegte …

Die Ungerechtigkeit der kreativen Netzwerkgesellschaft

Seit den ersten Forschungen des Stadtökonomen Richard Florida (2002) gilt die kreative Klasse als zentraler Motor regionalen Wirtschaftswachstums. Dabei ist der Kreativitätsbegriff sehr weit gefasst.

Mit der kreativen Klasse kennzeichnet Florida sämtliche Berufsgruppen, die an Prozessen beteiligt sind, neue Ideen zu entwickeln und neue Wege zu beschreiten. Das fängt bei Künstler/innen und Designer/innen an und geht über Entrepreneure bis hin zu Anwält/innen oder Manager/innen, die letztlich die kreativen Ideen verwalten.

Während Stadtplaner/innen angesichts dieses ökonomischen Kreativmotors jubeln, sehen sich viele kleinere Kreative konfrontiert mit einem fundamentalen Problem:

Sie bringen an der ein-oder-anderen Stelle ihr Potenzial ein, weil sie kaum eine andere Option des Existenzaufbaus oder der Teilhabe haben – den grossen Gewinn streichen derweil besser vernetzte Personengruppen ein.

Der kreative Mehrwert fliesst in die Töpfe einiger Weniger, die sich in der Verwertungslogik strategischer positioniert haben.

Zudem wird diese merkwürdige Situation flankiert von komplizierten, politischen Diskursen (Urheberrecht, Rentenversicherung, Netzneutralität etc.), die zumeist der Bestandswahrung alter, tradierter Herrschaftsverhältnisse dienen.

Was kann man tun?

Damit sind wir beim Prinzip der Netzwerkgesellschaft angelangt.

Die „Network Society“ ist eine theoretische Matrix des Soziologen Manuel Castells, mit der man m. E. recht gut den Zustand unserer heutigen Welt verstehen kann und gleichzeitig Möglichkeiten der Partizipation sieht.

Demnach leben wir in einer Phase des Informationalismus, in der Datenströme auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen rund um den Globus gejagt werden.

In diesem so genannten „space of flows“, dem „Raum der Ströme“, hat sich eine Netzwerkkultur etabliert, die unser weltgesellschaftliches Miteinander auf politischer, sozialer und ökonomischer Ebene bestimmt. Dabei konfigurieren sich Netzwerke rund um einzelne Projekte, die verschiedene Netzwerkknoten miteinander temporär verbinden.

Beteiligt an den Netzwerken sind also all die Knoten, die einen aktiven Beitrag für ein bestimmtes Netzwerk leisten. Als Knoten können Algorithmen auf einem Computer-Server ebenso dienen wie z.B. eine “Community of Practice” oder ein einzelner Mensch.

Die Logik aus Sicht des Netzwerks ist ganz einfach:

Das Netzwerk erstreckt sich über die beteiligten Netzwerkknoten. Wer sich nicht einbringt, wird vom Netzwerk automatisch umschifft – das muss man nicht persönlich nehmen, das Netzwerk funktioniert dann halt einfach ohne diesen spezifischen Knoten.

Aus dieser Erkenntnis lassen sich verschiedene Fragen ableiten:

Will man sich als kreativer Mensch z.B. nicht als Opfer der Umstände wahrnehmen, muss man in die Netzwerke hinein. Und möchte man sich gar auf verschiedenen Netzwerkebenen (persönlich, beruflich, sozial, politisch) einbringen, drängt sich eine Frage in den Vordergrund:

Wie qualifiziert man sich als geeigneter Netzwerkknoten?

Um die individuelle Antwort der Leser/innen soll es im FlowShower gehen.

Nicht als Pauschallösung, welchen extern definierten Anforderungen man Genüge tun sollte. Sondern als Anregung, überhaupt erst einmal die zugrunde liegenden Prozesse zu verstehen.

Um dann mittels gezielter Aufgaben mögliche Einstiegspunkte zu identifizieren, wie man selbst am gewünschten „space of flows“ aktiv partizipieren kann und in Flow kommt.

Aufbau der Netzwerkgesellschaft

Die Theorie rund um die “Netzwerkgesellschaft” entwickelte Manuel Castells bereits Ende der 1990er Jahre.

Weltweit wird Castells sehr oft in den Sozial- und Kommunikationswissenschaften zitiert, leider aber kaum im deutschsprachigen Raum. In unseren Breitengraden beruft man sich eher auf die Theorien rund um die Informations- oder Wissensgesellschaft.

Dabei hat es Informationen und Wissen schon immer gegeben, wie Castells meint – das wesentlich Neue der heutigen Zeit seien die durch die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien angestoßenen Prozesse, als da wären:

  1. Internationalisierung der Ökonomie
  2. Aufkommen globaler Finanzmärkte
  3. Entstehen von Netzwerkunternehmen
  4. Individualisierung der Arbeit

Diese vier Dimensionen reorganisierten über die Zeit sämtliche sozialen Prozesse zu vernetzten Strukturen der Weltgesellschaft, weil sie einen “Flow” an Informationen, Menschen und Innovationen im globalen Stil ermöglichten.

Konsequenter Weise verortet Castells diese vielfältigen Informationsflüsse im “space of flows”.

Es handelt sich dabei nicht um einen homogenen Raum; vielmehr existieren darin verschiedene verschachtelte Etagen mit wenigen Treppenhäusern und Aufzügen.

So ist das “World Wide Web” sozusagen das Souterrain des “space of flows”, andere Etagen bilden die Finanzmärkte, die Mediennetzwerke, die Kommunikationsnetzwerke, Intranets und Extranets von Unternehmen, transnationale Produktionsprozesse, Plattformen globaler sozialer Bewegungen, vernetzte politische Regierungsarbeiten etc.

Jede Etage beheimatet zudem unterschiedliche Netzwerke, die mehr oder weniger miteinander arbeiten (können).

Mit anderen Worten:

Der “space of flows” ist komplex aufgebaut. Von außen betrachtet, handelt es sich um ein zerklüftetes Gebilde, das in seiner Vielschichtigkeit kaum zu verstehen ist.

Nur wenn man Teil eines oder mehrerer Netzwerke ist, ahnt man ggf. die unmittelbaren Wechselbeziehungen des jeweiligen Netzwerkes.

Aber, wie gelangt man in die Netzwerke?

Denn letztlich wird unsere gesamte Weltgesellschaft maßgeblich durch den Informationsaustausch innerhalb des “space of flows” geprägt.

Man muss also rein, will man nicht ausgeschlossen sein und lediglich außen die Entwicklungen hinnehmen.

Relevanz von Netzwerkknoten

Ein Netzwerk besteht aus mehreren Knoten und dreht sich um ein gemeinsames Projekt.

Ein Knoten ist (mit Castells gesprochen) der Punkt,

an dem eine Kurve sich mit sich selbst schneidet

und der in verschiedenen Netzwerken je unterschiedliche Gestalt annehmen kann.

Das bedeutet, wenn ein Knoten einem Netzwerk wertvolle Informationen hinzufügt, gewinnt diese Schlaufe für das spezifische Netzwerk an Bedeutung. Landen dagegen sämtliche Netzwerk-Informationen dort in einer Sackgasse, bringt dies dem Netzwerk keinen Mehr-Wert und es konstituiert sich fortan anders.

Das ist ein besonderes Kennzeichen von Netzwerken:

Sie sind flexibel, skalierbar und überlebensfähig.

Um zu einzelnen Etagen des “space of flows” Zugang zu erhalten, braucht es bestimmter physischer Orte.

Damit ist ein “space of places” gemeint, der jeweils bestimmte Anforderungen mitbringen muss, um zunächst als Ort eine besondere Relevanz für ein bestimmtes Netzwerk zu erlangen.

Es bedarf einer Häufung an Knoten und Verteilern am “space of places”, die eine gewisse Größe erfordern, um Relevanz im “space of flows” entwickeln zu können – inklusive einer höheren Dichte an intellektuellen Eliten.

Und für Elitenbildung braucht es wiederum einer spezifischen räumlichen Verteilung (hergestellt über z.B. Mietenspiegel, “gated communites”, Security-Dienste, Lounges, Hotels, Clubs etc.).

Ohne gesellschaftliche Eliten vor Ort, so könnte man sagen, entwickelt sich kaum ein Eingang in relevante Treppenhäuser und Aufzüge der Netzwerkgesellschaft, um zumindest einzelne Etagen zu erreichen.

Erst über (zufällige) Real-Kontakte im physikalischen Raum lassen sich ggf. wechselseitig befruchtende, vertrauensvolle Kollaborationen aufbauen, die Türen aufzustoßen vermögen.

Doch wer ist die Elite in der Netzwerkgesellschaft?

Es sind nach Castells vor allem Produzent/innen hochwertiger Innovationen und Instrumente, die gut vernetzt im “space of flows” die Weltgesellschaft vorleben.

Diese Gruppe umfasst nicht all zu viele Personen, wird aber flankiert von einer breiteren Schicht gut ausgebildeter Menschen, die für eine hohe Schlagkraft bei der Umsetzung der Innovationen in effiziente Produkte und Dienstleistungen sorgen.

Solange also Menschen über Fähigkeiten oder Mittel verfügen, die ihrer Person anhaften, lassen sie sich der für die Netzwerkgesellschaft relevanten Personengruppe zuordnen.

Richtig schwierig wird es für die Personen, die über keine spezifischen Fähigkeiten verfügen und damit am Arbeitsmarkt austauschbar sind. Sie sind somit redundante Produzent/innen der Netzwerkgesellschaft, so makaber es klingt, und landen nicht selten in der Schattenökonomie.

Was bedeutet das für kreative Menschen?

Herausforderung für Kreative

Richard Floridas “Theorie der kreativen Klasse” dient als Leitbild vieler Regionen und Stadtplaner/innen, um Talente anzuwerben, die an ihrer Person haftende Fähigkeiten mitbringen.

Die Bedeutung von Metropolen steigt – bereits heute lebt mehr als 50 % der Weltbevölkerung in urbanen Zentren (UNO-Prognose für 2050: 70 %).

Damit wächst neben dem Innovationsvermögen auch das Widerstandspotenzial in den Städten, über die Zivilgesellschaft einen politischen Einfluss auf die Netzwerkgesellschaft auszuüben.

Menschen können also auch als “High Potentials” der sozialen Bewegungen durchaus einen besonderen Beitrag zur “Creative Network Society” leisten – wenn sie das Netz qualitativ nutzen.

Welche Konsequenzen folgen aus diesen Überlegungen?

Die moderne Informationselite agiert im kosmo-politischen Raum, während die einfachen Leute im lokalen Raum leben – es entstehen Paralleluniversen.

Will man teilhaben an der Netzwerkgesellschaft, muss man haptisch an der Infrastruktur andocken.

Wem diese Teilhabe verwehrt bleibt, ist marginalisiert – seien es Menschen, Institutionen oder Orte.

Auch “Communities of Practice” oder “Networks of Practice“ lassen sich zu qualitativen Netzwerkknoten formen, wenn sie Impulse aus größeren Netzwerken aufgreifen und angereichert wieder zurückgeben.

Mit Netzzugang kann eine Person qualitative Fähigkeiten und neue Netzwerke mit aufbauen helfen.

Hier können neue Eliten entstehen, die an den Schnittstellen des “space of places” zum “space of flows” auf den Fluss von Kapital, Informationen und Wissen strategisch Einfluss nehmen.

Im „Cyberspace“ wird ein digitaler Körper nicht mehr aufgrund seiner veränderten Lage im Raum (Dokumente von einem Ordner zum nächsten schieben), sondern durch seine Veränderung in der Zeit im Fluss wahrgenommen.

Der Umgang mit diesen fließenden Informationen wird zur vierten Kulturtechnik (neben Schreiben, Lesen, Rechnen), um eine Interaktion mit zeitlich sich verändernden Artefakten zu gewährleisten.

Indem sich Personen selbst im vernetzten Fluss bewegen, kann diese Kulturtechnik als integrierte Erfahrung erlebt und weiter entwickelt werden. Das gilt es, sich zu vergegenwärtigen.

Wie situiert man sich in der kreativen Netzwerkgesellschaft?

Um sich selbst einige Orientierungspunkte zu definieren, entlang derer man in einen vernetzten Fluss gelangt, lassen sich folgende fünf Handlungsschritte empfehlen:

  1. Eigene persönliche, berufliche, soziale und politische Ambitionen in der Netzwerkgesellschaft definieren.
  2. Welche Netzwerke mit welchen Netzwerkknoten beeinflussen meine Ambitionen?
  3. Wo sitzen die wichtigen räumlichen Cluster?
  4. Welchen Beitrag könnte man für einzelne Netzwerke leisten?
    1. Wo kann man selbst zum hochwertigen Produzenten aufsteigen?
    2. Wie entwickelt man fließende Informationen, die ihren Weg in die Netzwerke finden?
  5. Relevanz der eigenen Aktivitäten überprüfen und qualitativ verbessern.
TAKE ACTION
Wenn du dich nun selbst orientieren willst, wie deine persönliche Ausgangssituation in der Netzwerkgesellschaft ausschaut, dann drucke dir die folgende Aufgabe aus und überlege für dich, wie du die 5 Fragen der Handlungsschritte für dich beantworten kannst. Viel Erfolg!

Literatur

Castells, Manuel (2000):  The Rise of The Network Society: The Information Age: Economy, Society and Culture

Florida, Richard (2002): The Rise of the Creative Class: And How It’s Transforming Work, Leisure, Community and Everyday Life

Wagner, Anja C. (2012): UEBERflow. Gestaltungsspielräume für globale Bildung

Wellman, Barry (2010): The Rise of Networked Individualism

facebooktwittergoogle_pluspinterestlinkedinmail

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.